BERLIN - Was verbindet so unterschiedliche Charaktere wie die Politiker Matthias Platzeck und Jens Böhrnsen, den Sport-Manager Reiner Calmund, den Pastor Friedrich Schorlemmer, den Autor Erich Loest oder den Rennrodler Hackl Schorsch mit einander? Die tiefgreifenden Erfahrungen mit den Anfängen der Deutschen Einheit – unter dem Dach eines gemeinsamen Buches „Es wächst zusammen . . .  Wir Deutschen und die Einheit“. Herausgeberin und ZDF-Ikone Petra Gerster hat eine illustre Runde gefunden für amüsante, nachdenkliche und außergewöhnliche Rückblicke auf die Wendezeit.

Mit feinem Humor zeichnet Erich Loest die Erfahrungen von Ossis nach, die mit der fallenden Mauer sofort eine Arbeitsstelle „im gelobten Land mit Adidasschuhen, Lucky Strike und Südfruchtbergen“ suchen. Nicht nur Verwandte aus „Gormorgsschdodt“ (für West-Leser: Karl–Marx-Stadt = Chemnitz) kehren früh „entnervt“ zurück. Mit schmerzendem Kreuz. Denn im Westen wurde gearbeitet. Nichts war mehr mit der „Wärme der Brigade“.

„Rüber“ macht auch Reiner Calmund, nur in die andere Richtung: „Als die Mauer fiel, war klar: Jetzt greifen wir an“. Während Mauerspechte noch Betonreste bearbeiten, klopft Leverkusens Manager bei begehrten DDR-Fußballstars an. „Calli“ putzt Klinken in Plattenbauten. Auf der Wunschliste: Andreas Thom, Lieblingsspieler von Stasi-Chef Erich Mielke, Ulf Kirsten und Matthias Sammer. Mit Thom und Kirsten klappt’s, mit Sammer nicht. Kanzler Helmut Kohl (CDU) persönlich stoppt den umtriebigen „Calli“: „Ihr könnt die DDR nicht so einfach leerkaufen!“

Calmund lacht heute, auch über die Geschichte mit den geflüchteten DDR-Fußballern Falko Götz und Dirk Schlegel, die Mitte der 80er Jahre in Leverkusen ersten Unterschlupf fanden. Plötzlich kurvten auffällige Autos mit riesigen Antennen herum. Ein DDR-Gesandter forderte die Herausgabe. Vergeblich. Calmund: „Er ist wütend abgezogen. Zu allem Unglück hatten Souvenirjäger ihm unten auf dem Parkplatz seine DDR-Diplomaten-Nummer abmontiert. Wir musten ihm ein rotes Kennzeichen besorgen, damit er überhaupt bis zur Grenze kam.“

Stasi-Beauftragte Marianne Birthler kennt das andere, hässliche Gesicht der DDR. Dass Stasi-Opfer heute noch an Verfolgung und Gefängnis-Torturen leiden, während „sich ihre früheren Peiniger ansehnlicher Ruhestandsbezüge erfreuen“. Zur Wahrheit gehört auch, „dass politisch bei der Wiedervereinigung alles richtig gemacht wurde, wirtschaftlich dagegen alles falsch“, wie Ex-Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) beklagt – späterer Retter von Jenoptik. Den Publizisten Michael Jürgs nervt die bald einsetzende „Ostalgie“, gerade im MDR-Fernsehen: „Sie holen Scheintote des Ostvolks aus ihren Altenheimen und lassen sie vor Kameras frei.“

Die Wende, sie ist faszinierend. Bis heute. Wie das Buch.