BERLIN - Ende August 1989 saß ich in dem kleinen Fährdorf Schaprode auf der Insel Rügen und arbeitete an einem Kinderhörspiel nach einer alten Rügener Sage. Die Wochen dieses Sommers waren ereignisreich.
Am 27. Juni hatten Ungarns Außenminister und sein österreichischer Kollege ein Loch in den Eisernen Vorhang geschnitten, durch das nun der Wind einer neuen Zeit wehte. Hunderte von DDR-Bürgern nahmen zunächst die Gelegenheit war, ihrer Staatsführung den Rücken zu kehren. All diese Nachrichten erreichten mich von fern, denn noch waren Theaterferien und Schaprode lag außerhalb des Sendebereichs der ARD, die wir Insulaner deswegen Außer Rügen und Dresden getauft hatten.
Wird Berlin abgeriegelt?
Über den Stand der Dinge konnte ich mich nur in der einzigen Telefonzelle am Hafen erkundigen. Meine Freunde rieten mir, nach Berlin zurückzukehren. Sie befürchteten, dass die Stadt bald abgeriegelt und ich dann die Revolution verpassen würde. Aber ich wollte erst mein Hörspiel zu Ende schreiben, das ich Ende August beim Sender abgeben sollte.
Das Stück handelt von einem alten König, der weder von seinen Schätzen noch von seiner Macht lassen will. Weil er vor Gier nicht sterben kann, verwandelt der Tod ihn schließlich in einen schwarzen Hund, der sein Gold in alle Ewigkeit bewachen muss. Ich dachte beim Schreiben an unsere Politgreise, deren Staatsschatz durch den Verkauf aufmüpfiger Untertanen vermehrt wurde, die ihnen nun zusehends abhanden zu kommen drohten. Das Geschäftsmodell war nicht neu, schon die hessischen Herrscher hatten ihre Landeskinder nach Nordamerika verkauft. Als mein König keine Untertanen mehr findet, die er verkaufen kann, verbündet er sich mit dem Teufel.
Als ich mit der Geschichte Ende August nach Berlin zurückkehrte, brodelte es. Bis Mitte September flohen fast 30 000 Menschen über Ungarn nach Österreich. Das Neue Deutschland sprach von organisiertem Menschenhandel. Mir war unbehaglich, als ich das Manuskript abgab, aber meine Dramaturgin versicherte, dass die Kontrollorgane jetzt anderweitig beschäftigt wären.
Am 7. und 8. Oktober, dem 40. Geburtstag der DDR, wurden hunderte friedlicher Demonstranten verhaftet. Wir sahen fabrikneue Wasserwerfer in den Straßen des Prenzlauer Berg auffahren, ich hörte einen Unteroffizier grinsend zu seinen Volkspolizisten sagen: Da kommen die neuen Arbeiterwaschmaschinen. Es wurde Ernst.
Ich bekam eine Einladung, vor Unteroffiziersschülern in der Kaserne Prora auf Rügen zu lesen. Die Neugier siegte, ich nahm an. Nach der Lesung luden mich Offiziere ins Kasino ein und einer sagte: Wenn die in Berlin glauben, dass wir ihnen mit unseren Panzern die Kastanien aus dem Feuer holen, dann haben sie sich diesmal geirrt. Die anderen nickten finster. Ich erzählte diese Geschichte allen Freunden, die noch eine chinesische Lösung fürchteten. Sie sahen mich misstrauisch an, wie einen, der mit dem Feind paktiert hat und nun dessen Falschmeldungen verbreitet. Aber ich war seit diesem Tag überzeugt, dass es zu keinem Blutvergießen kommen würde.
Im Berliner Ensemble trafen sich Vertreter aller Bühnen, um eine Kundgebung zu organisieren. In der Kantine ging es dramatischer zu als auf der Bühne. Mitten in den Vorbereitungen wurde Erich Honecker gestürzt. Die SED glaubte allen Ernstes, mit Honeckers Kronprinzen Egon Krenz weitermachen zu können. Der bekam zum Dank dafür am 4. November, als 700 000 Berliner mit Plakaten durch die Hauptstadt spazierten, die schönsten Sprüche ab: Blumen statt Krenze, Unbekrenzte Demokratie. Darüber konnte der sonst unerschütterlich grinsende Krenz nicht lachen. Auch Markus Wolf und Günter Schabowski verstanden nicht, warum die Bürger ihnen nicht mehr zuhören wollten.
Zumindest für den Genossen Schabowski änderte sich das, als er am 9. November einen Zettel aus der Tasche zog und vorlas, jeder könne reisen, wohin er wolle. Ich hatte an jenem Abend einen Termin bei Freunden, die den PEN-Club der DDR reformieren wollten. Es gab kubanischen Rum, wir hörten nicht richtig hin. Irgendwann schaltete einer den Fernseher ab.
Eine Stunde später klingelte das Telefon. Ein Freund aus den USA war am Apparat. Er wunderte sich, warum wir noch zuhause waren. Wir schalteten den Fernseher wieder ein, sahen Menschen auf der Mauer tanzen. Als ich gegen Mitternacht in meine Wohnung kam, war die Friedrichstraße menschenleer. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel meiner Frau: Wir sind in West-Berlin, komm doch nach.
Auf dem Kudamm
Erst gegen halb zwei kamen sie zurück und berichteten, dass es auf dem Kudamm sehr voll gewesen sei. Im Januar 1990 wurde mein einsamer König als Der Schatzhüter gesendet. Wenn ich das Stück heute höre, kommt es mir wieder sehr gegenwärtig vor. Die alten Könige haben ihre Macht verloren, aber die Macht des Geldes ist stärker als je zuvor.
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