BERLIN - Wenn ein kleines Kind verstecken spielt, schließt es oft die Augen und denkt dann, weil es sich selbst nicht sieht, sei es unsichtbar. Später schließt es noch manchmal die Augen, aus Angst, bestimmte Dinge sehen zu müssen, weil es das zu Fürchtende nicht betrachten kann; es könnte ja inzwischen schon verschwunden sein. Diese Angstreaktion etwas ganz Unangenehmem, Hässlichem, Ekligem oder Störendem gegenüber ist mitunter auch bei Erwachsenen zu beobachten. Zum Beispiel im Kino. Dies ist eine jähe, manchmal instinktiv ausgeübte Selbstzensur gegenüber Bildern, weil sie einen zu überfordern drohen – das könnte der Schlüsselbegriff sein: Überforderung.

Es gibt einfach Situationen, an die sollte sich ein Mensch nicht gewöhnen. So eine Situation entstand am 13. August 1961 in Berlin, als eine immer komplexer werdende, von der DDR gebaute Grenzbefestigungsanlage eine neue Normalität schaffen sollte – über Nacht. Diese Grenze hieß offiziell „antifaschistischer Schutzwall“. Niemand nannte sie so, es war ein reiner Verwischungsbegriff, der mit der Realität nichts zu tun hatte. Selbst DDR-Offizielle begannen irgendwann, von der „Mauer“ zu reden.

Dabei ist, was als Mauer am ersten Tag begann, keine geblieben – der Begriff „Schutzwall“ fängt fast mehr von der Aura jener meterbreiten, von Postentürmen markierten, Jahr für Jahr ausgebauten Befestigungsanlage ein als das umgangssprachliche Wort „Mauer“. Im Grunde verharmlost gerade der Begriff Mauer vollständig. Was kann sich ein Jugendlicher aus Japan ohne weitere Geschichtskenntnisse heute vorstellen, wenn er den Begriff Mauer hört? Etwas, das netterweise zum Besprühen für Street-Art-Künstler aufgestellt wurde in Berlin? Und dann haben auf einmal viele gleichzeitig dagegen getreten, und da gab es den „Mauerfall“?

Die von uns heute noch gebrauchten und offiziell gewordenen Begriffe, die wir für DDR-kritisch halten, transportieren im Grunde die Verdrängungslust des kleinen Kindes mit den geschlossenen Augen weiter. Man musste sich das Ding gemütlich verkleinern, um besser damit leben zu können. Bei meinen ersten Besuchen in Berlin in den siebziger Jahren spürte ich noch die Angst, das Sperr­gebiet zu betreten. Meiner Gewohnheit, in einer Art wachem Halbschlaf durch Straßen zu schlendern, waren deutliche Schranken gesetzt. Zögernd ging ich zu einem Gespräch zum Gebäude der Schallplattenproduktion. Obwohl es in der Nähe zum West-Berliner Reichstag schien, kam ich problemlos an. Selbstsicher ging ich Tage darauf zum Haus eines christlichen Verlages und wurde vom Wachhabenden zurückgewiesen: Einlass nur mit Sondergenehmigung.

Ich staunte, wie wenig die Ost-Berliner noch über die Absonderlichkeiten staunten, die die Grenze so produzierte. Zum Beispiel eine S-Bahnfahrt von der Schönhauser Allee zum S-Bahnhof Pankow, fast direkt an der Grenze entlang, so dass sich die Grenzplaner genötigt sahen, eine Mauer auf beiden Seiten der Bahnstrecke aufzubauen, durch die man wie durch einen Transittunnel glitt. Bei jeder späteren Fahrt erkannte der Beobachter den Gast an den irritiert neugierigen Blicken aus dem Fenster, während der grenzanlagenresistente Ost-Berliner seinen Blick nicht von der Tageszeitung hob.

Der von Woche zu Woche stärker verinnerlichte Versuch, die Mauer nicht mehr wahrzunehmen, korrespondierte mit dem Verbot, die Mauer fotografieren zu dürfen. Warum eigentlich war das verboten? Warum wurde kein Bildband mit dem Titel „Die sicherste Grenze der Welt“ stolz in alle Welt hinausveröffentlicht?

Tief im Innersten mussten sie doch Komplexe haben und ahnen, mit der Teilung Berlins etwas sehr Hässliches getan zu haben.