BERLIN - Der Olympiakoller wuchs wie jeder Krebs langsam. Vor langer Zeit marschierte ich als dienstbraver Grenzsoldat einmal neben einem Major der DDR-Grenztruppen acht Stunden durchs zu überwachende Gelände. Er sollte mich wohl testen.
Aber die Olympischen Spiele 1972 in München hatten begonnen, und der Major nahm ausnahmsweise seinen Dienst nicht so ernst. Die DDR kämpfte sich dank Kanu, Kajak, Rudern, Schwimmen und gut präparierter Frauen zum dritterfolgreichsten Land empor. Es waren glückliche Tage für politisch Überzeugte. Endlich zeigte der Staat, was in ihm steckte, dachte auch der Offizier und verwechselte Sport mit dem Leistungsvermögen in Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur.
Für ein, zwei Tage erreichte das Land 1972 in der Medaillenstatistik Platz zwei. Vor den USA. Der Major wirkte euphorisiert und halluzinierte acht Stunden lang jede noch ausstehende Entscheidung. Wenn der das schaffte, der Ami dort versagte, tja dann: Das sozialistische Deutschland würde den Rest der Welt übertreffen. Deutschland, Deutschland, über allem – vor allem weit vor seinem westlichen Schlaffi-Bruder. Natürlich nur Zweiter nach der Sowjetunion, die schon aus brudervolkgestähltem Taktgefühl nicht überflügelt werden durfte. Die Erfolgssucht zersetzte das Denkvermögen. Sportler wurden nicht nur gedopt, der olympische Sport war Doping für das Volk: Loyalitätsdoping.
Die einen inhalierten es gern und jubelten über Erfolge – größtenteils in Sportarten, die im Grunde kaum jemand interessierten. Andere nippten vom Narkotikum: Wenn man schon in einem Scheißstaat lebte, war es ein tröstendes Gefühl, sich nicht in allem als der letzte Trottel fühlen zu müssen. Olympia war die Hochzeit des Landes, erfolgreiche Komplexbekämpfung. Die Sportförderung kostete natürlich Geld. Aber nur in dem Bereich konnte daraus fast planmäßig Anerkennung erwirtschaftet werden. Aus der Einsicht heraus rüstete das Land sportlich auf. Im Osten Deutschlands mussten ja die DDR-Sportler lange gegen westdeutsche Kollegen im Kampf um die gemeinsame Olympiamannschaft antreten. Indem sie die meisten Startplätze eroberten, zeigten sie sozusagen die gesetzmäßige Überlegenheit des Realsozialismus gegenüber dem faulenden, gesetzmäßig absterbenden Imperialismus in einer seiner aggressivsten Formen: der BRD.
Sport als Kriegsersatz agierte auf einem der Hauptkampfplätze des Kalten Krieges. Die DDR erfand eine eigene Punktewertung, weil sie auffällig viele 4., 5. und 6. Plätze belegte. Da gab es dann für Platz 6 einen Punkt, für Platz 5 zwei. War man in dieser Punktewertung besser als in der Medaillenwertung, wurde die Punktewertung gern erwähnt.
Wenn einem die Medaillen im Gehirn zu klimpern schienen und Denkvermögen abgestorben war, hatte der Olympiakrebs gesiegt. Der Mensch war im sportlichen Staatsbürger verschwunden – einige von diesen Wesen arbeiten als Trainer heute noch weltweit.
