BERLIN - Wenn die Zahl der Armen zunimmt, fühlt sich der Einzelne mit wenig in der Tasche und nichts auf dem Konto nicht mehr so einsam. Er sammelt sich dann gern auf dem ein oder anderen Platz Berlins, meist um einen Kiosk mit Bierverkauf.

„Arm, aber sexy“, den Spruch gab einmal der Regierende Bürgermeister für die Hauptstadt aus. Auf den Bänken am Boxhagener Platz in Friedrichshain haben die meisten das Arm schon geschafft, mit dem Sexy hapert es noch. Am liebsten schimpfen Arme auf das Arbeitsamt, das anders heißt und immer öfter zu sich lädt. Gern für 8 Uhr, weil das aktivierend in die Lebenszusammenhänge eingreift und zum frühen Aufstehen zwingt.

Und wenn 20 auf einmal eingeladen werden, kommen ja nie alle, und wenn einer nicht kommt, kann man ihm gleich mal den Regelsatz kürzen. Und wer erscheint, wartet halt eventuell bis Mittag oder darüber hinaus oder bis die Akte, die gerade verlegt war, wieder gefunden worden ist. Zeit haben die doch genügend, der Schwarzarbeit beugt man so auch vor, das sind dann die Sätze, die sie zu hören bekommen, wenn sie endlich dran sind.

Für die Anfänger gibt es Weiterbildungsmaßnahmen – aber mehr als dreimal jemand den Kurs „Wie bewerbe ich mich richtig“ absolvieren lassen, schafft auch der abgebrühteste Betreuer nicht. In der Wartezeit lernt der arme Arbeitslose oder arbeitslose Arme andere kennen, Hartz-4-Freundschaften. Auf den Gängen im Amt schimpft man leiser, die zu kürzenden Heizkosten aus dem neuen Sparpaket sind ein Hauptthema.

Die Armut erkennt sich an Gesten, Blicken, den selbst gedrehten Zigaretten und an den vielen auszufüllenden Blättern, mit denen einer aus dem Zimmer kommt. Und wie der Drogendealer seine Klienten, versorgt der Betreuer seine vom ihm Abhängigen mit Papier und Aufgaben: „Eigentlich könnten Sie die Krankenkasse wechseln, bei XX sparen sie monatlich 12 Euro € im Vergleich zur Krankenkasse yy“, riet ein Verwalter der Armut gerade im Juni.

Da er keine Arbeitsplätze anbieten kann, braucht er andere Legitimationen, um seinen Arbeitsplatz zu sichern: Sparvorschläge. Man spürt die Angst der Arbeitsagentur-Angestellten, vielleicht einmal die Tischseite wechseln zu müssen. Und der arme Arme auf den Sitzbänken ist gerade bei solch abstrakt kritischen Erwägungen angelangt – ein Dritter erinnert an den Betreuer auf dem Sozialamt, der während der Dienstzeit in Handschellen abgeführt worden ist. Korruption! Das heitert eine ganze Bank auf und tröstet ungemein.

Vielleicht sollten häufiger Scheinverhaftungen durchgeführt werden. Wegen der Stimmungsaufhellung. Denn Sterbehilfe zur Kostensenkung bei schwer Vermittelbaren, die sich in Berlin für den Normalfall der Gesellschaft halten, ist moralisch nicht vertretbar. Noch nicht.