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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Giacometti-Biopic „final Portrait“: Rush im Rausch

01.08.2017

Die Skulpturen von Alberto Giacometti sind hagere, oft spindeldürre Gestalten. Ihre Gesichter sind abstrakt verfremdet, und doch scheinen sie häufig eine gewisse Traurigkeit auszustrahlen: Giacometti gilt als einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts, wurde stark vom Kubismus und Surrealismus beeinflusst und ist vor allem für seine Skulpturen bekannt. Viel mehr als das werden die meisten Menschen aber wohl nicht über diesen Schweizer wissen – das könnte nun das Drama „Final Portrait“ ändern, in dem Oscarpreisträger Geoffrey Rush den getriebenen und rastlosen Künstler in einer der intensivsten Rollen seiner Karriere verkörpert.

Es ist das Jahr 1964. Der junge Schriftsteller James Lord ist für einen Besuch aus den USA in Paris. Als ihn Giacometti bittet, für ihn Modell zu sitzen, sagt er geschmeichelt zu. Mehr als ein paar Stunden wird es wohl nicht dauern, scheint er sich anfangs zu denken. Doch aus Stunden werden Tage und aus Tagen Wochen. Denn „Final Portrait“ zeigt Giacometti als unbändiges Genie und Perfektionisten, der sich alle Freiheiten nimmt: Mal geht er mit James lieber Mittagessen im Bistro in der Nähe, mal vergnügt er sich lieber mit seiner Geliebten. Und wenn er doch malt, ringt er um jede Nuance – nur um dann alles wieder zu verwerfen.

Regisseur Stanley Tucci, der selbst als Schauspieler in so unterschiedlichen Werken wie „Die Tribute von Panem“ und „Der Teufel trägt Prada“ zu sehen war, macht dabei nicht den Fehler, ein ganzes Leben in zwei Filmstunden erzählen zu wollen. Tatsächlich genügt eben diese Episode rund um das eine Porträt, um einen Einblick in Giacomettis Leben zu erhalten und um zu erahnen, wer dieser Mann war.

Denn Giacometti (1901-1966), so erzählt es jedenfalls „Final Portrait“, ist hier nicht nur ein begnadeter Künstler, sondern auch ein Lebemann, der seine Frau offen mit einer Prostituierten betrügt. Der Film deutet außerdem psychische Probleme an: Er habe als Jugendlicher oft daran gedacht, wie er Frauen vergewaltige und umbringe, erzählt Rush als Giacometti - das habe ihn vor dem Einschlafen beruhigt.

Getragen wird der Film, der auf den Aufzeichnungen des „echten“ James Lord basiert, von dem Australier Geoffrey Rush. Sein Giacometti ist ein exzentrischer Künstler, ständig in Bewegung. Ein paar Momente lang arbeitet er an einer seiner Skulpturen und knetet fast wahllos auf dem Ton der staksigen Figuren herum, dann drückt er Farbe auf seine Farbpalette und wirbelt mit Pinseln über die Leinwand. Meist murmelt vor sich hin, bis es dann aus ihm herausplatzt: „Scheiße!“. Er nimmt einen breiten Pinsel, übermalt das bisher Entstandene, und der vor ihm sitzende James sackt in sich zusammen. Wieder muss er seinen Flug verschieben, wieder muss er seiner Verlobten erklären, dass er doch noch nicht nach Hause kommt.

Rush meistert die Herausforderungen dieser facettenreiche Rolle einmal mehr scheinbar mühelos - immerhin verkörperte der 66-Jährige in seiner Karriere häufig Exzentriker und Menschen im Ausnahmezustand: Seinen Durchbruch feierte er als begnadeter, aber psychisch kranker Pianist in „Shine - Der Weg ins Licht“ und wurde für seine Leistung mit einem Oscar ausgezeichnet. Und auch in folgenden Filmen wie „Elizabeth“ und dem Blockbuster „Fluch der Karibik“ übernahm Rush meist Charakterrollen, die er mit einer starken körperlichen Präsenz ausfüllte.

Ein Ereignis in „Final Portrait“ ist allerdings auch das Atelier in einem Pariser Hinterhaus, in dem Giacometti jahrelang arbeitete. Überall stehen Skulpturen, dazwischen liegen unzählige Bilder, es ist ein heilloses Chaos. Die Zuschauer spüren fast den Schmutz aus Farbresten und Ton. Hinzu kommt, dass Giacometti dicke Geldbündel in dem Durcheinander versteckt - Geld ist ihm unwichtig. Und selbst wenn er wollte: Die Umschläge findet er später sowieso nicht mehr wieder.

Bei all dieser Energie bleibt der Jungstar Armie Hammer („Lone Ranger“) als Schriftsteller James Lord etwas blass; mit einer solchen Präsenz von Rush kann er schlichtweg nicht mithalten. Dennoch wird er für die Zuschauer zur wichtigsten Identifikationsfigur, kommt man doch quasi durch ihn und seine Erlebnisse Giacomettis Schaffen näher. Dem Film gelingt so eine bemerkenswerte Würdigung von Giacometti. Denn selbst wenn man keinen Bezug zu seinem Werk hat, wird einem dieser Künstler nach Filmende sehr präsent in Erinnerung bleiben.

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