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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Kleines Buch stellt große Fragen

03.11.2017

Berlin Gebückt und mit quietschendem Rollator irrt Gerda durch die Gänge des Altenheims. Eigentlich ist sie noch ganz gut beieinander, aber manchmal vergisst sie, in welchem Stockwerk sie wohnt. Zu ähnlich sind die Flure, zu gleichförmig die Tage. Und oft denkt sie: „Ich bin bereits tot. Und das hier ist die Ewigkeit“. Doch noch ist Zeit, sich einer lange aufgeschobenen Frage zu stellen: Hatte sie ein glückliches Leben? Und was ist das überhaupt: Glück?

Große Themen verhandelt die Graphic Novel von Barbara Yelin (Zeichnung) und Thomas von Steinaecker (Text). Die Münchner Comiczeichnerin (40) wurde 2010 mit einem düsteren Comicroman über die Bremer Giftmischerin Gesche Gottfried („Gift“) bekannt. Ihr neues Werk wirkt thematisch auf den ersten Blick kaum weniger dunkel. Dennoch ist „Der Sommer ihres Lebens“ ein anrührendes, farbiges Buch – ein wenig traurig, ein wenig lustig, eher tiefsinnig als düster.

Ausstellungen in Oldenburg

Die Graphic Novel „Im Sommer ihres Lebens“ von Barbara Yelin und Thomas von Steinaecker ist im Verlag Reprodukt erschienen (80 Seiten, 20 Euro).

In Oldenburg werden unter dem Titel „Die Neunte Kunst“ von Februar bis April 2018 drei Ausstellungen als gemeinsames Projekt im Stadtmuseum, Horst-Janssen-Museum und Edith-Russ-Haus zu sehen sein. Im Zentrum stehen Graphic Novels (Comics im Buch-Format).

Während Gerda mehr schlecht als recht ihren Alltag im Altenheim meistert, lässt sie ihr Leben Revue passieren – ihre Jugend in den 1960er Jahren, ihre Begeisterung für Mathematik und Astrophysik, die schiefen Blicke der anderen. Und schließlich die Entscheidung, in jenem Sommer ihres Lebens: für ihre Liebe und gegen eine Karriere im Ausland. Der Griff zu den Sternen blieb Gerda versagt – nicht überraschend für eine Frau in jener Zeit.

Das Duo Yelin/von Steinaecker erzählt ohne Pathos, ohne Wehleidigkeit. Niemandem wird eine Schuld zugeschrieben. Auch das Altenheim ist von der annehmbaren Sorte, die schwäbelnden Pflegerinnen wirken nett. Es ist letztlich ein durchschnittliches Frauenleben, das aber durch die doppelte Bildhaftigkeit der Graphic Novel zu einem besonderen wird.

Da ist zum einen die zeichnerische Qualität mit den aquarellhaft hingetupften Details und den zart hingetuschten Himmeln, dem freizügigen Umgang mit der Perspektive und dem gekonnten Wechsel der Zeitebenen. Während Gerda oben noch durch die Gänge des Altenheims schlurft, sitzt sie unten wieder in der Klasse und verblüfft ihren Mathematiklehrer.

Die Texte von Tobias von Steinaecker passen sich nahtlos an, führen wie ein Faden von Bild zu Bild, und unterstreichen den filmischen Charakter. Seine Rückgriffe auf die lautmalerische Comicsprache sind immer eingebettet in Yelins Malerei. So saust der Fahrstuhl der Uni mit einem „Wuuuuusch“ nach unten. Dass drinnen gerade ein wichtiges Gespräch über die berufliche Laufbahn Gerdas seinen Anfang nimmt, belegen nur zwei kleine Sprechblasen. Am Fußende der Seite verlassen die Studentin und ihr Professor den Lift.

So geht es Seite um Seite durch Gerdas Leben – im Altenheim und in der Erinnerung. Und als der letzte Vorhang fällt, werden die Fragen des Lebens nicht mehr nur gestellt, sondern auch beantwortet – unaufdringlich, verblüffend einfach und sehr tröstlich.

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