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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Kino: Kammerspiel mit Eruptionen

07.08.2019

Berlin Eigentlich ist die Ehe der Lehnerts ohnehin an einem Tiefpunkt angekommen, auch wenn sie ihren Nachbarn das glückliche Langzeitpaar aus der Hamburger Mittelschicht vorspielen. Beide gehen auf die Sechzig zu. Die Routine erschlägt Tag für Tag jede spontane Abweichung, und das klärende Gespräch endet stets in der Sackgasse festgefahrener Unterstellungen.

Plötzliche Ansprüche

Dann findet Georg in einer 30 Jahre jüngeren Arbeitskollegin, die bei ihm promovieren möchte, unerwartet eine Geliebte. Was bei Ehefrau Doris das Fass zum Überlaufen bringt, zumal ihr der Noch-Ehemann in der Trennungstherapie vorwirft, sie hätte sich zu einer langweiligen Hausfrau und überbehütenden Mutter entwickelt.

In Konfrontation mit den Fragen der Therapeutin überschüttet sich das Paar mit verschwiegenen Wünschen, verpassten Chancen, Aufopferungsgefühlen, Gewaltfantasien und Ängsten, flankiert von reichlich auseinanderdriftenden Perspektiven auf die gemeinsamen Jahre und das Procedere, wer denn nun welchen Anteil am gemeinsamen Besitz bekommen solle.

Diese Grundkonstellation funktioniert in „Und wer nimmt den Hund?“ wie ein fesselndes Kammerspiel, das sich auf zwei in ihrer jeweiligen Wahrnehmung zu kurz gekommene Charaktere konzentriert. Sie entfaltet im zweiten Teil aber eine Dynamik, die auch in die eingeschlafene Beziehung der beiden allmählich zurückkehrt.

Während die Scheidung unausweichlich zu sein scheint, und für den an einem Bandscheibenvorfall leidenden Georg die jüngere Geliebte vor allem körperlich größere Strapazen mit sich bringt, nutzt Doris die Gelegenheit und macht sich selbstständig. Als sie ihren neuen Lebensweg mit einem Lover garniert, meldet der scheidende Gatte plötzlich Besitzansprüche an und ergeht sich in Eifersuchtsanfällen, die sich im Demolieren des Luxuswagens seines Rivalen entladen.

Brillante Darsteller

Ähnlich wie in „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza, verfilmt von Roman Polanski, oder Nancy Meyers’ „Was das Herz begehrt“ steht der unerwartet enthemmte Schlagabtausch kultivierter Menschen im fortgeschrittenen Alter im Mittelpunkt dieser gut geölten „Beziehungskomödie“ von Rainer Kaufmann, der mit „Stadtgespräch“ (1995) das Genre im deutschen Populärkino nachhaltig verankert hat und nun die komödiantischen Momente im Abgesang auf die Monotonie einer Ehe findet.

Getragen von zwei brillierenden Hauptdarstellern, Martina Gedeck und Ulrich Tukur, die schon in „Gleißendes Glück“ auf Augenhöhe gegeneinander kämpften, schäumt Kaufmann nicht unnötig auf, bleibt auch mit der Kamera stets bei den mal weinend, mal wutentbrannt kriselnden Figuren, die längst die Uhr ihrer Existenz ticken hören und die verbliebene Zeit nicht in einem Lügengebäude verbringen wollen.

Im Verlauf der ganz klassisch eskalierenden Auseinandersetzungen wachsen das Gefühl des Verlustes und die verunsichernde Einsicht in den Preis der herbeigesehnten Freiheit, die nicht jedem der Streithähne bekommt.

Ein schönes Geschenk an Gedeck und Tukur und ein Friedensangebot an all jene, die der Unschärfe in Liebesdingen mit einem vielleicht verspäteten, aber dafür beherzten Vulkanausbruch begegnen möchten.

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