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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Teenager in den Fängen der Mafia

17.08.2019

Berlin Nicola und seine Gang wollen ihren Stadtteil übernehmen und künftig das Sagen haben. Ganz nach dem Vorbild der Mafiabosse, die bislang den Ton angeben und die Geschäftsleute in Neapels Viertel Sanità mit Schutzgelderpressungen drangsalieren. „Warum spielst du nicht Fußball?“, wird er aus heiterem Himmel gefragt, als er sich vom alteingesessenen Camorra-Clanchef Waffen besorgen will für das verhängnisvolle Vorhaben. Nicola (Francesco di Napoli) ist 15 und wird quasi mit dem organisierten Verbrechen groß.

Schonungslos erzählt

Seine Freunde und er möchten coole Klamotten tragen, in der Disco nicht mehr vom Türsteher abgewiesen und auch bewundert werden. Wie man in Windeseile zu alldem kommt, beschreibt „Paranza – Der Clan der Kinder“ nach dem gleichnamigen Roman von Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano („Gomorrha“) schonungslos. Mit Laiendarstellern erzählt Regisseur Claudio Giovannesi die Geschichte der Jugendgang, die erschreckend pragmatische Entscheidungen trifft und von einem Moment auf den anderen ihre Unschuld verliert.

Bei der diesjährigen Berlinale wurde der Film mit einem Silbernen Bären für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Mit Dealerei im Dienste der alten Bosse geht es los, doch dabei bleibt es nicht: „Wofür brauchst du die?“, fragt sein kleiner Bruder Cristiano, als er eine Waffe entdeckt, die Nicola seit Neuestem besitzt und ihm vorm Schlafengehen präsentiert: „Für meinen Job“.

Nach Einschätzung von Roberto Saviano, der auch am Drehbuch mitgewirkt hat und wegen seines Kampfes gegen die Mafia unter Personenschutz lebt, kommt der Waffe eine entscheidende Bedeutung zu: „Es gibt einen Weg, all das zu bekommen: eine Neun-Millimeter-Pistole“, sagte er im dpa-Interview während der Berlinale mit Blick auf die Wünsche der Jungen. Dazu gehöre neben der Pistole auch der Drogenhandel – mit allen Konsequenzen. Und so hält sich „Der Clan der Kinder“ nicht lange mit Vorreden auf. Dabei überzeugen in erste Linie die jungen Laiendarsteller, die das Leben einer Jugend zeigen, die unter völlig umgekehrten Vorzeichen groß wird und auch mit anderen Unwägbarkeiten des Lebens wie der ersten Liebe klarkommen muss. Dass Gut und Böse immer wieder verschwimmen und das Publikum so kein simples Schwarz-Weiß-Schema gezeigt bekommt, ist ein großes Plus des Films.

Funken Normalität

Die Protagonisten wurden vor Ort aus 4000 Bewerbern ausgesucht, wie Regisseur Giovannesi während des Berlinale-Interviews erzählte: „Es war kein Casting, bei dem sie zu uns gekommen sind, vielmehr sind wir in ihre Viertel gegangen.“

Am Ende sind es neben all der Gewalt und dem Schrecken auch kleine Szenen, die in Erinnerung bleiben. Jene Augenblicke, in denen der Wahnsinn weicht und zumindest scheinbar ein Funken jugendlicher Normalität herrscht: Nicola und sein Bruder streiten am Frühstückstisch über Kekse oder die Jugendmannschaft des Viertels freut sich über einen Satz neuer Fußball-Trikots. Dabei gerät aber nie aus dem Blick, dass es nur kurze Momente einer flüchtigen Normalität sind.

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