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Klassik: Auch beim fünften Mal etwas Neues entdeckt

13.11.2020

Berlin „Seit 50 Jahren gab es keine Phase, in der ich die Zeit gehabt hätte, drei Monate lang nur Klavier zu spielen“, sagt Daniel Barenboim. In der Corona-Zwangspause der vergangenen Monate hat der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden und Mitbegründer des West-Eastern Divan Orchestra alle 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven (1770-1827) aufgenommen. Mit seiner fünften Gesamteinspielung setzt Barenboim einen weiteren Meilenstein in seiner 70 Jahre langen Karriere.

Auch von Levit gespielt

Beethoven ist überall: Zum 250. Geburtstag des Komponisten in diesem Jahr bringen Orchester und Solisten das Gesamtwerk auf den Markt. Mit seiner Einspielung der 32 Sonaten landete der Pianist Igor Levit sogar in den Charts.

Beethoven hat von Anfang an auch Barenboims musikalische Biografie begleitet. Mit acht Jahren spielte er die Sonate Nr. 10 opus 14/2 erstmals vor Publikum, mit 15 nahm er große Sonaten wie die „Pathetíque“, die „Mondschein-Sonate“ und die „Hammerklavier-Sonate“ auf. Die damaligen Aufnahmen sind der neuen Gesamteinspielung als Zugabe beigefügt. Mit 16 Jahren präsentierte er dann den gesamten Zyklus erstmals in Tel Aviv.

Sein Vater und einziger Klavierlehrer Enrique Barenboim hatte seinem Sohn einen Satz mit auf den Weg gegeben: „Daniel, viele denken, du seiest ein Wunderkind. Von nun an musst du das Wunder vergessen und nur Kind sein.“ Diesen Rat hat der Musiker bis heute beherzigt.

Kein langes Zögern

Während sich manche Pianisten aus lauter Respekt viel Zeit nehmen, um Beethovens Sonaten einzustudieren, wartete Barenboim nicht. „Meistens spiegelt man Lebenserfahrungen in der Musik. Ich bin den umgekehrten Weg gegangen“, sagt er. „Ich habe von der Musik und vor allem von Beethoven gelernt und danach versucht, diese Erfahrungen in mein Leben zu integrieren.“

Erfahrung und Neugierde fließen auch in die neue Gesamteinspielung ein – auch wenn er einige Sonaten, wie er sagt, schon „tausend Mal“ gespielt hat. Barenboim vertiefte sich in den Notentext und entschloss sich, im Mai und Juni während der Zwangspause der Corona-Pandemie im Boulez-Saal der Barenboim-Said-Akademie in Berlin den Zyklus einzuspielen.

„Man fängt von null an“

Beethoven als Alterswerk? „Einiges ist leichter geworden, anderes etwas schwerer“, sagt Barenboim. Mit fast 78 Jahren seien die Muskeln natürlich nicht mehr so geschmeidig wie mit 30. Doch es gebe einen Ausgleich: „Jedes Mal lerne ich dazu, man fängt von null an und findet dann musikalische Lösungen für physische Probleme.“

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