BERLIN - Mit so starken Protesten hatten die Veranstalter des „BMW Guggenheim Lab“ in Berlin nicht gerechnet. Zwei Monate sollte das schicke mobile Labor für Kunst, Architektur und Stadtentwicklung Station machen im Szenekiez Kreuzberg. Experten wollten mit den Menschen vor Ort Fragen zur urbanen Zukunft erörtern und Probleme wie „Gentrifizierung“ diskutieren.

Doch die Anwohner werfen genau das dem Projekt selbst vor: Letztlich trage es zur Verdrängung von Alteingesessenen bei. Es gab anonyme Drohungen, im Internet wurde Stimmung gegen das Projekt gemacht. Die Organisatoren sagten entnervt ab. „Wir befürworten eine lebhafte Diskussionskultur, können aber das Risiko gewalttätiger Übergriffe nicht eingehen“, hieß es. Alles nur ein großes Missverständnis?

Dass es im linksalternativen Kreuzberg nicht einfach werden würde, wussten die Guggenheim-Stiftung und der Sponsor BMW. Am geplanten Standort auf einer Brachfläche direkt am Spreeufer hatte es schon zuvor heftige Proteste gegen das Riesenprojekt Mediaspree mit Hochhäusern und privater Ufernutzung gegeben.

Im Fall des „BMW Guggenheim Lab“, das um die Welt reist und schon in New York Halt machte, warnte die Polizei aber vor gewalttätigen Übergriffen: Sachbeschädigungen und massive Störaktionen seien nicht ausgeschlossen, meinten die Experten des Landeskriminalamtes (LKA). Heftige Proteste hatte es zuvor auch in New York von Anwohnern gegeben, jedoch keine Gewalt.

Kreuzberg ist für seine bunte Mischung bekannt. Viele Künstler, Studenten und Ausländer leben hier. Seit Jahren sorgen sich viele, aus der Gegend vertrieben zu werden. Das Stichwort heißt Gentrifizierung. Gemeint ist damit die Aufwertung von Quartieren, was steigende Mieten und letztlich die Vertreibung der alteingesessenen Bewohner mit sich bringt. An Hauswänden finden sich Graffiti wie „Aufwertung = Mietsteigerung!“. Die Schuld für die Entwicklung sehen viele bei Investoren. Oder bei Kulturprojekten wie dem „Guggenheim Lab“, die das Kiez-Image anheben.

Was auf sie in Berlin zukommen würde, merkten die Veranstalter im März, als sie sich mit empörten Anwohnern trafen, um das Konzept des 30 Meter langen halboffenen Container-Labors zu erklären. Was als freundliches Kontaktangebot geplant war, endete im Desaster: Es hagelte Kritik. Auch am Sponsor BMW, der nach Ansicht seiner Gegner Leiharbeiter massiv ausbeute und sein Geld in der Nazizeit gemacht habe.

Konservative Politiker fanden schnell einen Schuldigen für das Aus: die linke Szene. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) sah „Chaoten“ am Werk, die ein „Standortrisiko“ seien. Der Stadtsoziologe Andrej Holms bezweifelt, dass man die Schuld allein bei der linken Szene suchen kann.

Nun soll ein neuer Standort her. Vieles deutet darauf hin, dass es das Pfefferberg-Gelände im arrivierten Prenzlauer Berg wird.

Gentrifizierung hat hier längst stattgefunden, viele Gutverdienende wohnen hier. Widerstand regt sich dennoch – entsprechende Ankündigungen finden sich längst im Internet. Es gebe „aus Kreuzberg einige Handreichungen, wie man Investoren verschrecken kann“.