BERLIN - Teschke reiste schon als junger Mensch sehr viel – allerdings als DDR-Bewohner nur beim Lesen. Der „Welttag des Buches“ wird am Sonntag mit zahlreichen Aktionen begangen.

Von Holger Teschke

BERLIN - Meine erste Weltreise mit einem Buch machte ich, bevor ich lesen gelernt hatte. Meine Mutter las mir das Kinderbuch von „Mischi mit dem schwarzen Schwanz“ vor, das die Abenteuer eines unerschrockenen Eichhörnchens nach seiner Flucht aus der Zoohandlung und während der Fahrt auf einem Frachtschiff bis in die Südsee beschrieb.

Für DDR-Verhältnisse war das eine ziemlich weltläufige Geschichte, an der mich aber vor allem die Begegnungen mit Riesenschlangen, Krokodilen und gewitzten Schimpansen begeisterte sowie die vielen Zeichnungen, die den kleinen Helden auf hoher See und im tiefen Urwald zeigten. Ich glaube, dieses Buch hat sowohl meine Lese- als auch meine Reiselust geweckt. Bis ich allerdings selber auf einem Schiff die engen Grenzen des Leselands DDR hinter mir lassen konnte, blieben Bücher mein wichtigstes Weltreise-Gefährt.

Mit Marco Polo reiste ich nach China und Indien, mit Mark Twain und James Fenimore Cooper quer durch Amerika, mit Robert Louis Stevenson durch Schottland und die Südsee, mit Joseph Conrad von London nach Singapur und zurück und mit Herman Melville und Jules Verne über alle sieben Meere.

Es gehört zum Wunderbaren solcher literarischen Reisen, dass diese ersten Eindrücke von fernen Ländern und fremden Menschen oft nachhaltiger bleiben als spätere reale Begegnungen.

Vielleicht liegt das daran, dass man mit den Autoren und ihren Figuren Abenteuer besteht, die selbst die Programme der exklusivsten Reiseunternehmen nicht zu bieten haben. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass die Bilder von diesen Reisen in unserer Fantasie entstehen und dort Welten heraufbeschwören, die längst verschwunden sind.

Mit Büchern verreist man dreimal, wusste schon Fontane: vor, während und nach der Reise. Sie geben dem Augenblick der unerwarteten Begegnung Dauer, verbinden ihn mit vergangenen und künftigen Epochen und uns mit unseren Vorfahren und Nachkommen. So bleibt das Buch eine Hoffnung, die trotz brennender Bibliotheken durch Jahrhunderte voller Krieg und Barbarei lebendig geblieben ist: als älteste Chronik der Geschichte unserer Zivilisation.

Ich bin mir sicher, dass auch das digitale Zeitalter diese Faszination nicht auszulöschen vermag. Der Autor Marcel Proust hat einmal geschrieben: Es gibt vielleicht keine Tage in unserer Kindheit, an denen wir intensiver gelebt haben als an jenen, da wir ungestört mit unseren Lieblingsbüchern waren.

Glücklich, wer sich etwas von dieser Sehnsucht bis ins Alter bewahrt hat. Sie lässt uns noch immer zwischen zwei Buchdeckeln unbekannte Welten entdecken und hilft uns daran zu erinnern, von wo wir aufgebrochen sind.