BERLIN/NEW YORK - Am 7. April 1989 betrat ich durch die Pass- und Grenzkontrollen im „Tränenpalast“ erstmals die andere Seite des Bahnhofs Friedrichstraße, fuhr mit einer S-Bahn zum Zoo, stieg in den Flughafenbus nach Tegel, flog nach Hamburg und von dort mit einer halbleeren Maschine der PanAm nach New York City.
Ich erlebte diese Reise wie einen Traum, zumal der Himmel über dem Atlantik fast wolkenlos war und ich das Meer sehen konnte, meinen ehemaligen Arbeitsplatz als DDR-Seemann.
Das Privileg dieser Reise verdankte ich Rosa Luxemburg, Alfred Döblin, Christoph Hein und Erich Honecker. 1987 hatte ich nach Döblins Romantrilogie „November 1918“ die Szenenfolge „Berliner November“ geschrieben, die 1988 als Studio-Inszenierung am BAT im Prenzlauer Berg ihre Uraufführung erlebte. Hein, der 1987 als Gast in den USA gewesen war und das Stück kannte, hatte es seinem US-Biografen Phil McKnight empfohlen, der damals an der University of Kentucky Germanistik lehrte.
McKnight lud mich ein, das Stück mit seinen Studenten zu inszenieren. Er stellte den Kontakt zur US-Botschaft in Ost-Berlin her. Ich glaubte keinen Augenblick an diese Reise, denn bis dahin waren alle meine Anträge abgelehnt worden.
Im Januar 1988 hatte die Staatssicherheit über 100 Mitglieder von Friedens- und Menschenrechtsorganisationen verhaftet, weil sie auf ihren ungenehmigten Transparenten die Forderungen von Rosa Luxemburg zitiert hatten, die diese auch in meinem Stück erhob: „Freiheit ist auch immer Freiheit des Andersdenkenden“.
Auf der Bühne ließ man das zu, aber nach der Gedenkdemonstration von Friedrichsfelde schrieb ein empörter Parteijournalist im „Neuen Deutschland“ von „Gotteslästerung“. Viele der Verhafteten wurden abgeschoben, der „Berliner November“ wurde weiter gespielt. Im Februar bekam ich von der Künstleragentur der DDR die Aufforderung, einen Reiseantrag einzureichen und zwei Tage danach einen Telefonanschluss, auf den wir schon Jahre gewartet hatten. Ich verstand den Zusammenhang nicht gleich, bis ein erfahrener Freund ihn mir erklärte.
Es klickte bei den Telefonaten mit der Botschaft und in die USA oft heftig. Aber Mitte März bekam ich tatsächlich Pass und Visum und ging damit sofort in die Botschaft. Erst nach meiner Reise erfuhr ich von Diplomaten, dass es Honeckers politischer Traum gewesen war, auch im Weißen Haus seine Aufwartung zu machen und er deshalb angeordnet hatte, Einladungen in die USA positiv zu bearbeiten.
Die erste Stadt der westlichen Welt, die ich wirklich kennenlernte, war New York. Ich kannte sie schon aus zwei meiner Lieblingsbücher: aus den Erzählungen von Herman Melville und aus Jerome D. Salingers „Fänger im Roggen“. Beide Bücher hatte ich im Gepäck und mir vorgenommen, an meinem ersten Tag in Manhattan den South Street Seaport und den Central Park South zu besuchen. Meine Gastgeber an der New York University waren zwar erstaunt, aber verständnisvoll. Sie gaben mir sogar mein Honorar als Vorschuss.
Nach fast allen Lesungen und Vorträgen wurde mir die Frage gestellt, wann es in der DDR Reformen wie in der Sowjetunion unter Gorbatschow geben würde, und ich behauptete kühn, dass das nicht mehr lange dauern könne. Tatsächlich begann es nach meiner Rückkehr Mitte Mai zu gären.
Ich hatte von einem Freund Bela Szasz’ Erinnerungen „Freiwillige für den Galgen“ bekommen, die minutiös die Vorbereitung der ungarischen Schauprozesse von 1949 beschreiben. Angeregt davon schrieb ich mein zweites Stück „Die Station“. Als mein Lektor das Manuskript gelesen hatte, sagte er halb im Scherz: „Wenn wir das jetzt drucken, kommen wir beide noch fünf vor zwölf nach Bautzen.“
Die Demonstrationen von Leipzig, Dresden und Berlin sorgten dann dafür, dass solche Ängste zwei Monate später der Vergangenheit angehörten. Im Mai 1990 wurde ich wieder nach New York und Los Angeles eingeladen. Seitdem pendele ich zwischen Deutschland und den USA und werde in diesem Herbst mit Studenten ein Seminar über das Jahr 1989 halten, für die die friedliche Revolution in der DDR schon ferne Geschichte ist.
