• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Deals
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • Veranstaltungskalender
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
  • Über uns
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Literatur: Von Denunziation und Tod

07.10.2019

Berlin /Oldenburg Das Buch aller Bücher über Hotels hat Vicki Baum 1929 in der Weimarer Republik veröffentlicht. „Menschen im Hotel“ wurde ein internationaler Bestseller, kam auf die Bühne, wurde verfilmt und von den Nazis verboten. Das Werk schilderte Menschen ausschließlich in einem Hotel, wo sich alles an menschlichen Schwächen, Problemen und Deformationen jener Zeit verdichtete und versammelte.

Ähnlich ist Eugen Ruges neuer Roman „Metropol“ angelegt, ein Werk, das hauptsächlich 1936 im Moskauer Hotel Metropol spielt. Und ähnlich wie Ruges auch verfilmtes Erfolgsbuch „In Zeiten abnehmenden Lichts“ hat auch die neue Prosa starke autobiografische Bezüge: Im Zentrum steht eine Frau mit dem Decknamen Lotte Germaine, leicht verklausuliert ist das Ruges Großmutter.

Stalin wütet in seinem Volk. Es ist die Zeit der Säuberungen und Schauprozesse. Menschen werden nachts abgeholt, gefoltert, ohne oder mit Geständnis per Genickschuss hingerichtet. Es ist die Hochzeit ängstlicher Denunzianten, und auch unter den vielen deutschen Exilkommunisten grassiert die Furcht, abgeholt zu werden und mindestens auf Jahre im Gulag zu verschwinden. Das Seltsame ist, dass nicht nur Lotte Germaine weiter fast blind an den Sozialismus glaubt, auch angesichts des herrschenden Terrors und der übelsten Mangelwirtschaft. Es ist die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, und eigentlich warten alle in Moskau nur noch auf den großen Knall, den Krieg zwischen Kommunismus und Hitlers Faschismus.

Ruge konzentriert sich auf wenige Menschen und deren Familien und Beziehungen untereinander, darunter die deutsche Kommunistin Charlotte, ihren schlaffen Mann und die junge Britin Jill. Ruge hat seinen Roman sehr stark an Tatsachen orientiert, zur Illustration und Verdeutlichung hat er sogar Dokumente mit abdrucken lassen, und geschildert, wie schwierig es auch heute noch ist, überhaupt an entsprechende Unterlagen in russischen Archiven zu kommen. Wie stets bei Ruge ist die eigene Familie ein Spiegel und ein Brennpunkt der gesellschaftlichen Prozesse.

Da finden sich erstaunlich viele, die sich selbst belügen, die sich die dumpfe Wirklichkeit ideologisch zurechtbiegen, als sei es Kaugummi. Ruge schildert das intensiv, man meint im Moskauer Mief aus Angst und Armut, Falschheit und Dumpfheit zu versinken. Einmal beißt eine Figur in eine mit Müh und Not auf dem Schwarzmarkt ergatterte Praline – und findet eine Made darin. Deutlicher kann man das Paradies sozialistischer Planwirtschaft kaum brandmarken.

An anderer Stelle schildert Ruge, wie sich der Schriftsteller Lion Feuchtwanger nicht entblödet, sich vor den kommunistischen Karren spannen zu lassen. Der vornehme Bestsellerautor nächtig luxuriös im Hotel Metropol, abgeschottet von kritischen Stimmen.

Ruge schildert das ohne Schaum vor dem Mund, er haut nie stumpf auf das sozialistische Experiment ein, er zeigt lieber bis in Feinheiten hinein die Fehler eines Systems, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Ruge hat ein tolles Gespür für Tempo, Pointen und Dialoge. Kritik am Kommunismus, an Stalin, an geblendeten Intellektuellen – alles vorhanden, alles erlesbar, aber nie mit dem groben Holzhammer erzeugt, sondern mit dem feinen Florett erfochten.

Vor allem ist Ruge eines: ein herausragender Beobachter seiner Gestalten, die er mit Sympathie schildert, sei es ein steifer Altkommunist oder ein mörderischer Richter. Ruge kennt keine Angst vor langen Sätzen, kombiniert raffiniert Schicksale und begleitet ein Leben zwischen Parteidisziplin und Freiheitsdrang.

Und Ruge weiß, wovon er erzählt: Vieles hat seine Familie erlebt. Ruge selbst wurde 1954 am Ural geboren, als Sohn eines deutschen Vaters, den die Sowjets deportierten. Aufgewachsen ist Ruge in Ost-Berlin. Bei aller Kritik am Sozialismus: Nie verrät Ruge seine Familie oder Herkunft. So entsteht ein gut sortiertes, düsteres und spannendes Werk, authentisch, stark und lesenswert.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2060
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.