BERLIN - Mehrere junge Männer stehen an den Fensterscheiben der Ruine, als Explosionen den Boden unter ihren Füßen zum Zittern bringen. Sie sehen, wie ein anderer Flügel des Gemäuers in sich zusammensackt. Noch heute kann sich der 92 Jahre alte Heinrich Wulf an den 7. September 1950 erinnern, als die Sprengung des Berliner Stadtschlosses begann. Er war damals entsetzt, fassungslos und machtlos, wie er heute sagt.
Majestätisch stand einst die Hohenzollern-Residenz im Herzen Berlins. Im Krieg wurde sie bei Bombenangriffen schwer beschädigt und brannte 1945 aus. Nach anfänglichen Überlegungen zu einer Rekonstruktion gab SED-Chef Walter Ulbricht 1950 den Befehl, das ungeliebte Relikt aus monarchischen Zeiten sprengen zu lassen. Für mich war das ein Ur-Erlebnis, sagt Wulf. Auch nach 60 Jahren müsse er immer wieder daran denken.
25 Jahre später errichtet die DDR auf dem Schlossplatz, der nun Marx-Engels-Platz hieß, den Palast der Republik Sitz der Volkskammer und Kulturhaus für unterschiedlichste Veranstaltungen. 1990 wird das Gebäude wegen starker Asbestverseuchung geschlossen. Es wird zunächst saniert, zwischen 2006 und 2008 aber dann doch schrittweise abgerissen.
Den jetzt geplanten Wiederaufbau empfindet Zeitzeuge Wulf wie eine Erlösung. Er war als junger Student wenige Wochen vor der Sprengung der Schlossruine dorthin abbeordert worden, um gemeinsam mit Kollegen das Gebäude aufzuzeichnen.
Von Abriss war nicht die Rede, berichtet er. Seiner Schilderung zufolge stand der Bau trotz der Kriegsbomben noch fast vollständig, nur das Dach fehlte. Im Schlüterhof standen sogar noch Figuren unbeschädigt auf ihren Sockeln, erinnert sich Wulf. Doch die DDR-Regierung hatte anderes mit dem ehemaligen Prunkbau vor: Im Innenhof verkündete der damalige Ministerpräsident Otto Grotewohl vor Studenten den baldigen Abriss.
Wenn es mal weg ist, kräht kein Hahn mehr danach, soll er laut Wulf dabei gesagt haben. Nur noch wenige Wochen blieben den Studenten von da an, die Ruine zu zeichnen, häufig mussten sie Nachtschichten einlegen. Nur drei Wochen später ging alles in Staub auf. Das war so furchtbar für uns. Wir mussten fassungslos zusehen.
Wulf schreibt heute an seiner Dissertation und verfasst Gedichte zum Schlossaufbau. Das Ur-Erlebnis präge sein Leben bis heute. Seine Hoffnung sei jetzt, dass ich die Grundsteinlegung noch miterlebe.
Zunächst ist auf dem Berliner Schlossplatz am Mittwoch ein 30 Meter hoher Informationspavillon zum geplanten Wiederaufbau des Stadtschlosses eröffnet worden. Er wird später wieder abgerissen. Eintrittsgelder und Werbung sollen die Bau- und Betriebskosten von 15 Millionen Euro hereinbringen.
