Berlin - Die Liste seiner Hits ist lang. „I’m Still Standing“, „Your Song“, „Crocodile Rock“ und „Rocket Man“ sind nur einige der großen Erfolge von Sir Elton John. Seit fünf Jahrzehnten steht der Brite in der Öffentlichkeit – und das nicht nur als Musiker, sondern auch mit seinen exzentrischen Outfits und seinem schlagzeilenträchtigen Privatleben. Bei so viel Dramatik ist es fast verwunderlich, dass Johns Lebensgeschichte nicht schon längst verfilmt wurde. Der Musikfilm „Rocketman“ holt das nun nach (Kinostart an diesem Donnerstag).
Schon die erste Szene macht klar, welche Stimmung das Werk haben wird: Elton John, in einem grell-orangen Bühnenoutfit, stürmt in eine Selbsthilfegruppe. „Ich bin ein Alkoholiker, drogenabhängig, sexsüchtig und kaufsüchtig“, gesteht er. Doch Regisseur Dexter Fletcher will daraus kein schweres Drama machen, sondern setzt der Tragik immer wieder Humor und Leichtigkeit entgegen: Nur wenige Einstellungen später beginnt daher die erste schwungvolle Musicalszene und katapultiert die Zuschauer in Johns Kindheit.
Schon früh wird das außergewöhnliche Musiktalent von Reginald „Reggie“ Dwight, wie er eigentlich heißt, erkannt. Doch glücklich ist der Junge nicht. Er sehnt sich nach der Liebe seines fast nie anwesenden Vaters; auch seine Mutter ist in dieser Ehe unzufrieden. Als sie alle irgendwann „I Want Love“ anstimmen, bekommt Johns Klassiker eine ganz neue Bedeutung und fasst die Gefühlswelt der Familie treffend zusammen.
Überhaupt gelingt es Regisseur Fletcher eindrucksvoll, die Musik von Elton John in den Film einzubauen. Wenn John auf dem Klavier im Haus seiner Mutter die ersten Töne zu „Your Song“ erklingen lässt, gehört das zu den ergreifenden Momenten. Die meisten anderen Musik- und Musicalszenen wiederum strotzen nur so vor Kraft und Energie.
Besonders clever ist die Idee, mithilfe der Songs mehrere Erzählebenen zu verbinden. Wenn der Teenager etwa bei einer Privatfeier im Pub auftritt und dann nach draußen auf den Rummel geht, wo eine Tänzerschar „Saturday Night’s Alright for Fighting“ mitreißend interpretiert.
Dabei hakt Fletcher, der schon bei dem oscarprämierten Film „Bohemian Rhapsody“ hinter der Kamera stand, mit „Rocketman“ allerdings etwas zu konventionell die markanten Stationen im Leben des Musikers ab. Wie er den Liedtexter Bernie Taupin (Jamie Bell aus „Billy Elliot“) kennenlernt, mit dem er viele Songs schrieb und der hier als einer seiner engsten Vertrauten dargestellt wird. Wie sie bald darauf ihren Durchbruch in den USA feiern, inklusive Partys, Drogen und anderer Exzesse.
Dabei geht der Film sehr offen mit Johns Homosexualität um. Ein erster Kuss mit einem schwarzen Musiker, später dann die Beziehung zu John Reid, seinem Manager und langjährigen Lebensgefährten. Doch was als erste große Liebe beginnt, wird in „Rocketman“ schnell toxisch. Reid (Richard Madden aus „Game of Thrones“) wird hier als rücksichtsloser, kalter Geschäftsmann dargestellt.
Die eigentliche Entdeckung des Films aber ist Taron Egerton (29) in der Hauptrolle. Er singt nicht nur alle Songs selbst. Scheinbar mühelos gelingt es ihm auch, die vielen verschiedenen Facetten der Musikikone darzustellen. Mal ist er schüchtern, dann bringt er die Bühne zum Beben. Mal ist er ausgelassen, mal ein emotionales Wrack oder im Drogenrausch. Zum Finale allerdings stimmt er „I’m Still Standing“ an.
