BERLIN/WILDESHAUSEN - Er war schon einmal hier im „Zoo-Palast“. 1969 war das, Ulli Lommel war gerade von den Lesern einer Jugendzeitschrift zum „Bravo-Star von heute“ gewählt worden, und der Regisseur Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) hatte ihn zum Hauptdarsteller seines ersten Films gemacht.

Der Film hieß „Liebe ist kälter als der Tod“, Lommel musste darin ein paar Leute erschießen, und als die Premiere vorüber war, riefen die Leute im „Zoo-Palast“ dann „Buh!“ und „Dilettantismus!“. Lommel ging auf die Bühne, winkte ins Publikum und ging schnell wieder hinunter, bevor die Leute mit Sachen nach ihm werfen konnten.

Ein beharrlicher Mann

40 Jahre später sieht Lommel immer noch ein bisschen aus wie ein „Bravo-Star“. Vor kurzem ist er 64 geworden, aber er hat sich die Haare schwarz gefärbt und mit Gel pfiffig in Fransen gelegt. Er trägt eine schwarze Samtweste und einen schwarzen Seidenschal, seine Augen gucken zufrieden durch eine dunkle Brille.

Er war lange nicht mehr hier, seit 30 Jahren lebt Lommel in Amerika, seinen Namen spricht er inzwischen Lom-Mell aus, mit Betonung auf -el. Als Regisseur und Schauspieler hat er in Amerika 40 Filme gedreht, sie tragen Titel wie „Zombie Nation“ und „Cannibal“.

Das netteste Wort, das Kritikern zu Lommel einfällt, lautet zumeist: „beharrlich“. Jetzt hat Lommel einen neuen Film gedreht, „Absolute Evil“ heißt der, und er feiert Premiere im „Zoo-Palast“ an der Hardenbergstraße. Zum Film kam Lommel irgendwo im Wald bei Wildeshausen. Er war fünf Jahre alt, als sein Vater, der Komödiant Ludwig Manfred Lommel, mit ihm ins Oldenburger Land zog. „Wir spielten immer Cowboy und Indianer“, erinnert sich Lommel. Er lächelt: die Busfahrten zur Schule nach Delmenhorst, seine Wildeshauser Kinderliebe namens Anke, das sind alles Episoden – aber der Spaß am Spiel mit Rollen und Verkleidungen, der blieb.

Nach Jahren zog Familie Lommel nach Berlin weiter. Sohn Ulli begegnete Fassbinder, spielte in mehreren seiner Filme die Hauptrolle, drehte 1973 den ersten eigenen Film, „Die Zärtlichkeit der Wölfe“. Auch bei der Premiere bei der Berlinale im „Zoo-Palast“ buhten wieder die Leute. Lommel drehte tapfer weiter, fand endlich einen Fan: den US-Künstler Andy Warhol (1928–1987). Der lud den Deutschen nach Amerika ein, Lommel blieb dort. „Amerika“, sagt er, „ist offener für Ideen als Deutschland.“ In Amerika, sagt er, arbeitet er wie ein Archäologe. „Mal finde ich was, mal finde ich nichts.“ Kritiker sagen, Lommel findet selten was. Einmal lebte er Monate bei den Apachen, einfach so. Das fand er noch besser als die Spiele im Wald bei Wildeshausen.

Gegen Langeweile

Im „Zoo-Palast“ flimmert der Vorspann seines Films über die Leinwand. „Für R.W.F.“ steht da, für Rainer Werner Fassbinder, und: „Vor 40 Jahren . . . Liebe war kälter als der Tod“. Sie „war“ kälter, Vergangenheitsform, denn diesmal ist die Liebe stärker. Lommel will eine Lösung zur Überwindung von Gewalt vorschlagen, Vergebung heißt sie. Im Film werden ein paar Leute erschossen, die Kamera wackelt oft, und als der Abspann von „Absolute Evil“ läuft, rufen die Leute wieder „Buh!“. Lommel geht auf die Bühne, er winkt und lässt sich Zeit. Er mag Buh-Rufe, behauptete er nachmittags, „das ist doch besser, als wenn sich die Leute im Kino langweilen“.

Eigentlich könne er häufiger mal nach Deutschland kommen, überlegt er. Neulich hat er vom Filmfest in Oldenburg gehört. Das wäre doch was, sagt er: Lommel-Filme im Oldenburger Land, wo vor 60 Jahren alles begann.