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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Der zweite Entdecker Amerikas

14.09.2019

Berlin Seinen Namen tragen Berge, Flüsse, Städte und Nationalparks: Schon zu Lebzeiten galt Alexander von Humboldt (1769-1859) als berühmtester Wissenschaftler seiner Zeit. Der Forscher und Universalgelehrte hat das Naturverständnis nachfolgender Generationen wie kein anderer geprägt. „Alles hängt mit allem zusammen“ – so lautete Humboldts grundlegende Ansicht, dass unsere Umwelt nur im Zusammenspiel mit dem menschlichen Wirken zu betrachten sei.

Ob Artenvielfalt, Ressourcenschutz oder Klimawandel – zu Humboldts 250. Geburtstag an diesem Samstag sind die Erkenntnisse des genialen Gelehrten aktueller denn je. „Sein vernetztes Denken passt in unsere Zeit“, sagt der Romanist Ottmar Ette von der Universität Potsdam, der auch Herausgeber zahlreicher Schriften ist. Denn Humboldt sei beides gewesen: Naturforscher und Kulturforscher und noch heute eine Leitfigur der Wissenschaft – von der Klimaforschung bis zur Anthropologie.

Neugierde und Begeisterungsfähigkeit waren Humboldts Antrieb, für seine Erkundungen auf dem amerikanischen Kontinent nahm er unglaubliche Strapazen auf sich, die heute, in Zeiten von Abenteuerurlaub und Massentourismus kaum vorstellbar sind. Zu Fuß, auf Mauleseln oder im Kanu reiste er Tausende Kilometer zwischen der Karibik und den Anden. Nach Christoph Kolumbus gilt er deswegen als „zweiter Entdecker Amerikas“.

Mit seinem Begleiter, dem französischen Botaniker Aimé Bonpland (1773-1858), durchkreuzte er den Regenwald. Moskitos und die Angst vor Malaria gehörten zu den kleineren Problemen. Mehrmals entkam Humboldt nur knapp dem Tod, etwa durch Curare-Gift oder Krokodil-Bisse.

Im heutigen Ecuador bestieg er den Vulkan Chimborazo. Bei dünner Luft und beißender Kälte kamen Humboldt und Bonpland im Juni 1802 auf etwa 5900 Meter, so hoch wie nach damaligem Wissen noch kein Mensch vor ihnen. Humboldts Naturgemälde des Chimborazo, auf dem er die Verteilung der Vegetationszonen aufzeichnet, beschäftigt bis heute die Wissenschaft.

Dabei wächst der Sohn eines preußischen Offiziers in komfortablen Verhältnissen auf. Auf dem Familienschloss in Berlin-Tegel, wo noch heute das Humboldt-Anwesen steht, genießt er mit seinem älteren Bruder Wilhelm (1767-1835) die beste Erziehung, die man erhalten kann. Die Mutter gilt als streng, aber sie sorgt dafür, dass die beiden Brüder exzellente Hauslehrer bekommen.

Wilhelm merkt früh, dass Alexander bei seinen Streifzügen durch den Tegeler Forst unterschiedliche Beobachtungen miteinander verknüpfen konnte. „Diese Gabe zur Kombinatorik zeichnet ihn bis zu seinem Lebensende aus“, sagt Ottmar Ette. „Heute nennen wir das Vernetzung“.

Während des Studiums der Staatswirtschaftslehre in Frankfurt/Oder und später an der Freiberger Bergakademie schärft Humboldt seine Fähigkeiten für die Naturbeobachtung. Er führt Experimente am eigenen Körper durch, notiert jedes Detail.

Humboldt treibt es in die weite Welt. Er versucht zunächst in London und Paris, eine Schiffspassage nach Amerika zu bekommen – vergeblich angesichts der Gefahren durch Seekriege und Piraten. Schließlich gibt ihm der spanische König die Erlaubnis, nach Neuandalusien, heute Venezuela, zu reisen. Zur Finanzierung seiner Reise greift er auf das von der Mutter hinterlassene Erbe zurück.

Zu Humboldts Tod im Jahr 1859 würdigt Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. den Republikaner Humboldt als „größten Mann seit der Sintflut“. Zehn Jahre nach seinem Tod, zu Humboldts 100. Geburtstag, erinnerten bereits Menschen in aller Welt an „den größten Forschungsreisenden, der jemals gelebt hat“ (Charles Darwin).

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