BERLIN - Am 2. Januar 1992, also vor fast 20 Jahren, begannen die ersten Bürger, Wissenschaftler und Medien mit der Stasi-Akteneinsicht. Sie existiert aufgrund eines einmaligen Gesetzes zur Einsicht in die Staatssicherheitsunterlagen der DDR. Das Ganze hat eine Behörde erzeugt, die als weltweit einzige umgangssprachlich nach ihrem Chef oder ihrer Chefin benannt wird.
Die Gauck-Birthler-Jahn-Behörde spaltet die Öffentlichkeit. Datenmissbrauch schimpfen die einen, praktizierter Datenschutz ist es für andere, die sich auf die Akten einlassen und die Strukturen des vergangenen Missbrauchs analysieren wollen. Ein Minderheitenthema mit viel Aufregungspotenzial, was kürzlich erst die mögliche (jedes Bundesland muss ja in seinem Bereich zustimmen) Ausweitung der Stasi-Überprüfung zeigte. Die Überprüfungen werden gewiss über das Jahr 2019 hinausgehen. In Einzelfällen bis zum Jahr 2035, wenn die letzten volljährigen Noch-DDR-Bürger ins Renten-Dasein überwechseln. Oder ist eine gefälschte Dissertation nach Ablauf der juristischen Verjährungsfristen weniger gefälscht?
Als Gift beschrieben
Bei einigen Politikern scheint seit 1990 ein Akten-Ekel zu herrschen – sie wollen alles hinter sich lassen und meinen, dies diene der Versöhnung. Sie reden mehr von ihrer Vorstellung von den MfS-Akten als den in der Gauck-Birthler-Jahn-Behörde real gelagerten Dokumenten. Ansonsten würde man Beschreibungen wie Gift und ähnliche Gefühligkeiten unterlassen, denn die Dokumente sind nicht einfach ein Ausfluss des Bösen, sie sind beherrschbar und benutzbar.
Ihre Auswertung und die Diskussionen auch über IM-Verstrickungen können als Training für den rechtsstaatlichen Umgang mit den Echos der Vergangenheit dienen. Die DDR war ein Unrechtsstaat. Diese Akten sind also nicht der Missbrauch, sie belegen vielmehr das Böse, das durch die Staatssicherheit im Auftrag der führenden Partei SED geschah, die ihrerseits wiederum durch die KPdSU durchherrscht worden ist.
Es geht bei den MfS-Akten nicht um die Stasi, sondern um die Analyse der DDR-Gesellschaft mit Hilfe dieser geheimen Tagebücher der Macht. Die MfS-Akten sprengen den Aktenbegriff, sie stellen den Endlos-Roman der DDR-Macht dar. Etwas, das Hilfe bei der gegenwärtigen Politik ermöglicht – zumindest Staaten gegenüber wie China, Weißrussland, Iran.
Klein und praktikabel
Diese Akten verdienen es deshalb unbedingt, zum Weltdokumentenerbe erklärt zu werden. Allein schon, um den möglichst ungehemmten Zugang zu jenen Akten zu erhalten. Kein anderes Dokument kann die dunkle Seite der realkommunistischen Macht so deutlich und gleichzeitig vernebelt widerspiegeln.
Die Aufnahme ins Weltdokumentenerbe könnte auch die Finanzierung der Lagerungsbedingungen erleichtern – es kann nicht sein, das oft Wasser oder Heizungsrohre durch die Verwahrräume gehen.
Die Akten müssen unbedingt weiter erschlossen werden – es fehlen immer noch ein paar Prozent an Auswertung. Die Mauer zwischen den deutschen Staaten wollte schon mal einer zum Weltkulturerbe erklären lassen. Gut, dass sie nicht mehr steht. Ein Weltdokumentenerbe ist viel kleiner und praktikabler.
