BERNE - Der Kanon etwa mag ein kleiner Trick der Musik sein, der so wirkt, als könne man die Zeit für einen Moment anhalten. Im Liederzyklus Die Winterreise von Franz Schubert scheint die Zeit sogar 80 Minuten lang still zu stehen. Keine Handlung, keine musikalisch-thematische Entwicklung im klassischen Sinne. Fremd ist der Winter-Wanderer eingezogen, ist fremd wieder ausgezogen.
Es ist emotional gefährlich, an den 24 von Schubert selbst schaurig genannten Liedern teilzuhaben, wenn sie der Bass Martin Blasius aus Düsseldorf und die Pianistin Ruth Forsbach aus Remscheid in der Konzertkirche Warfleth (Gemeinde Berne/Kreis Wesermarsch) darbieten. Unmöglich abwenden lässt sich der Blick von den Abgründen, in die der verlassenste aller Menschen schaut. Seine zerbrochene Liebesbeziehung gibt nur die Hülle für dieses bange Ahnen ständiger Gefahren, für eine unstillbare existenzielle Trauer. Trotzdem ist der Zyklus nach Texten von Wilhelm Müller nicht nur eins der tiefgründigsten Werke der Musik überhaupt, es ist auch eins der populärsten.
Die Stimme von Blasius reicht weit, ihr Timbre kann ebenso innig sein wie gewaltig. Das versetzt ihn in die Lage, in die Trostlosigkeit und Ungerechtigkeit auch mit Wut hineinzurufen. Um so bestürzender wirken dann stille Verzweiflung und Resignation. Ungemütlich wird es da selbst unterm Lindenbaum, dem Symbol für Heimat. Schlicht, nie mit Künstlichkeit, nie mit Pose wollen die Lieder gesungen sein. Ohne die Zwischentöne flau zu belichten, leistet das Blasius bezwingend, tariert exakt zwischen Erzählton und Gefühlswallung aus.
Das Mitspracherecht an der hoffnungslosen Wanderschaft nimmt die Pianistin einfühlsam wahr. Dem dürren, fast klappernden Klaviersatz gewinnt Forsbach neben behutsamer Biegsamkeit viel Festigkeit ab im Wissen, dass solche Stützungen den Wanderer nicht von seiner Straße, die noch keiner ging zurück, abbringen werden.
Das einzige Lebewesen neben bellenden Hunden oder Krähen trifft der Ausgestoßene am Ende aller Depression: Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann, keiner mag ihn hören, keiner sieht ihn an.
In Berne und Warfleth aber will man viel mehr hören und sehen. Die Winterreise bildet dort übers ganze Jahr ein Projekt mit Konzerten und Vorträgen. Im Zentrum steht ein für jeden offener Schreib-Wettbewerb zum persönlichen Thema Winterreise.
