BERNE - Schubert in vereinfachter Charakteristik: Das ist der ewige Wanderer, der nie nach Hause und zu sich kommt. Doch in Warfleth, in der kleinen Konzertkirche am Weserdeich, fand er ein Zuhause, jedenfalls auf Zeit. Das gesamte umfangreiche Werk für Violine und Klavier ist hier schon zu vielschichtigem Leben erweckt worden. Und vor allem: die Winterreise! Ein ganzes Jahr stand sie in der Gemeinde Berne musikalisch und literarisch auf dem Programm – zum Abschluss in einer dreiteiligen Hommage von mehr als fünf Stunden.
Die Ansprache zu Beginn stellte allerdings die Zuhörer auf eine harte Probe. Der über 15-minütige analytische Text der Schriftstellerin Elfriede Jellinek über den Komponisten, die ihn „als ein Rätsel, das Schubert heißt“, bezeichnete, blieb in seiner grotesk-verfremdenden Art verschlossen.
Pianistin Nina Tichmann begann mit der frühen Sonate D 568 in Es-Dur, nahm sie erstaunlich pathetisch und folgte damit möglicherweise Schuberts Verehrung für Beethoven. Mit dem Lied „Trockne Blumen“ aus der „Schönen Müllerin“ trat der junge Tenor Simon Bode erstmals an diesem Abend auf. Sein warmes Timbre und seine Ausstrahlungskraft weckten bereits die Spannung auf den Zyklus „Die Winterreise“ im dritten Teil.
Doch zunächst spielte Andreas Mäder, stellvertretender Soloflötist im Staatsorchester Oldenburg, mit Nina Tichmann Thema und Variationen D 802 zu „Trockne Blumen“. Dem melancholischen Lied als Thema folgen sieben zum Teil halsbrecherische Variationen sowohl für die Flöte als auch für das Klavier. Andreas Mäder überzeugte durch eine frappierende Technik.
Im zweiten Teil vermittelte Prof. Dr. Dieter Richter, Germanist und Geschichtsforscher, einen hoch spannenden Überblick über die Metaphorik des Reisens bei Wilhelm Müller, dem Dichter der Winterreise. „Wie wehleidig er doch war“, bemerkte Richter erbarmungslos zu dem depressiven jungen Wanderer. Und Schubert selbst äußerte sich: „Ein Kranz schauriger Lieder“. Der Bogen der Analysten und Deuter spannte sich in fundierter Farbigkeit bis zu Hermann Hesse und Peter Härtling.
Nina Tichman begleitete im Zyklus in des Wortes ureigenster Bedeutung einen begnadeten Sänger: Sie wanderte an der Seite des glücklosen Gesellen, litt und weinte mit ihm, suchte wie er nach der Straße, die „noch keiner ging zurück“. Simon Bode war die erschütternde Inkarnation des schwermütigen Jünglings, mit seinem warmen Tenor, der alle Gefühle mitlebte. Das Publikum verharrte lange schweigend, ehe die nicht enden wollenden Bravorufe bei Interpreten und Hörern für Entspannung sorgten.
