Wildeshausen - Der 9. November ist für Deutschland in zweifacher Hinsicht ein Schicksalstag. Vor 25 Jahren fiel die Mauer. Während dieser Tag zu den glücklichsten in der deutschen Geschichte zählt, markiert der 9. November 1938 einen der schwärzesten. Überall in Deutschland brannten Synagogen und jüdische Häuser, hunderte wurden getötet, tausende verhaftet. Auch in Wildeshausen kam es zu Ausschreitungen gegen die jüdischen Mitbürger.
In der Huntestraße brannte die Synagoge. Doch eigentlich war es keine Synagoge mehr, berichtete Bodo Gideon Riethmüller bei der Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof. Am 30. Oktober 1938 war das Gebäude verkauft worden. Landesrabbiner Trepp hatte eine letzte Andacht gehalten. Danach wurden die Thora und alle Gegenstände entfernt. „Die SA zündete ein Gebäude an, das gar keine Synagoge mehr war“, so Riethmüller.
Alle Güter der Gemeinde mussten verkauft werden. „Die Nazis wollten jegliches jüdisches Leben vernichten.“ Dennoch blieb der Friedhof erhalten. „Ich bin froh, dass es diesen Ort noch gibt“, betonte Riethmüller.
Wie die Wildeshauser damals reagiert haben, darüber gibt es keine Quellen. Wer hat sich aktiv beteiligt, wer nur zugesehen. Riethmüller las einen Text von Anne Frank vor und machte deutlich, wie die Juden vor dem 9. November 1938 gedacht hatte. „Niemand ahnte, was passieren würde. Die Juden haben geglaubt, der Spuk werde bald vorbei sein.“ Dass dem nicht so war, erlebten sie dann am 9. November.
Zwölf Wildeshauser Juden wurden von den Nazis in den folgenden Jahren ermordet. Riethmüller las auf dem jüdischen Friedhof die Namen vor – Bernhard, Helene, Fritz und Ruth de Haas aus der Sägekuhle 3, Jenny, Jonny und Frieda de Fries aus der Sägekuhle 6, Alfred Heinemann und Golda Herzberg aus der Huntestraße 26, Moritz und Sophie de Haas aus der Westerstraße 24 sowie Arthur Goldstein aus der Sögestraße 16. Zu der Gedenkveranstaltung war auch eine Angehörige von Goldstein aus Enschede gekommen.
Riethmüller, der aus Emden stammt, berichtete aber auch aus seiner persönlichen Geschichte. Seine Mutter Erna wurde im Alter von 31 Jahren von den Nazis 1944 im KZ Uchtspringe ermordet. Ihr zu Gedenken enthüllte er einen Stein auf dem alten Friedhof.
Bürgermeister Jens Kuraschinski betonte: „Gedenken heißt, sich der Geschichte zu stellen. Wir wollen nicht vergessen, was in deutschem Namen geschehen ist.“
Nach der Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof veranstaltete der Arbeitskreis für Demokratie und Toleranz den Erinnerungsgang durch die Stadt und eine Gedenkstunde im Rathaussaal. Zunächst gab es jedoch eine kurze Andacht in der Alexanderkirche, die Pastor Markus Löwe mit Konfirmanden vorbereitet hatte. Dann führte Ingeborg Jacoby den Zug mit rund 50 Bürgern durch die Stadt.
Wo einst die ermordeten Juden lebten, wurde gestoppt, ihrer gedacht und Rosen niedergelegt.Die in Wildeshausen verlegten Stolpersteine sollen an jedem Tag im Jahr den Menschen verdeutlichen, was einst auch in Wildeshausen an Verbrechen verübt wurde.
Hartmut Berlinicke und Carsten Bruhns hielten in der Huntestraße, wo einst die Synagoge stand, eine kurze Ansprache. Bruhns hat dort ein Mahnmal geschaffen, das an die Synagoge und die ermordeten Wildeshauser erinnert.
Mit Lesungen aus dem Buch von Werner Meiners über die Geschichte der Juden in Wildeshausen und musikalischer Begleitung vom Trio encanto endete der Gedenktag.
Am Mittwoch, 20 Uhr, wird im Lili-Service-Kino noch der Film „Holocaust light gibt es nicht“ gezeigt.
