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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Bio-Chili statt Ravioli aus der Dose

25.06.2013

Scheeßel „Nächster Halt: Scheeßel.“ Einmal im Jahr herrscht auf dem Bahnhof der Kleinstadt Ausnahmezustand: Hurricane. In der 13 000-Einwohner-Gemeinde treffen sich die Regionalzüge aus Hamburg und Bremen. Wo sonst Berufspendler und Jugendliche ein- und aussteigen, spucken an beiden Anreisetagen die blau-gelben Waggons halbstündig Festival-Besucher auf den Bahnsteig. Über 17 000 nutzten in diesem Jahr den Zug – so viele wie nie.

Die meist jungen Menschen kommen mit Zelten, Taschen und palettenweise Dosenbier. Ein guter Kilometer Fußmarsch liegt vor ihnen bis zum Zelt, in dem sie ihre Eintrittskarten gegen Stoffbändchen tauschen können, mit denen sie in den kommenden drei Tagen auf das Festivalgelände und die Campingplätze kommen.

Eines der größten Musikfestivals

Das 17. Hurricane auf der Motorradrennbahn Eichenring in Scheeßel (Landkreis Rotenburg) fand am vergangenen Wochenende statt. Mit inzwischen rund 73 000 Besuchern und knapp 100 Bands zählt die dreitägige Veranstaltung zu den größten Musikfestivals in Deutschland.


NWZ TV    zeigt einen Beitrag unter  www.nwz.tv/aus-der-region

  Ein Spezial finden Sie unter www.nwz-inside.de/hurricane-festival-2013

Fünf Euro für 500 Meter

Wem das Gepäck zu schwer wird, dem bieten Scheeßeler Kinder und Jugendliche ihre Hilfe an – als Gepäck-Taxi. „Fast alle, die wir kennen, machen das“, sagt Felix. Der 14-Jährige fährt zusammen mit seinem Freund Christoph (13) Festival-Utensilien mit Kettcar und Anhänger vom Bahnhof bis zu den Zeltplätzen.

Die Gepäck-Taxis haben Tradition in Scheeßel. Kein Wunder: Bei fünf bis fünfzehn Euro pro Tour kommt einiges zusammen. Viele, die früher ihr Taschengeld so aufgebessert haben, stehen heute selbst vor der Bühne. Felix und Christoph wollen das auch irgendwann. „Sowas darf man nicht verpassen“, meint Christoph.

Freitag ist Hauptkampftag für die Jungen und Mädchen. Auf halber Strecke zum Bahnhof hält ein junger Mann in grüner Trainingsjacke und mit einer Palette Dosenbier das Kettcar an. „Fünf Euro“, sagt Christoph. „Für 500 Meter?“ – der Mann ist geschockt. „Drei Euro“, lenkt Felix ein. „Halsabschneider“, schimpft der Mann und stellt seine Dosen trotzdem in den Anhänger.

Die Zeltplätze, auf denen er später sein Bier trinken wird, sind eigentlich Äcker oder Grünland. Sie gehören rund 20 Landwirten und privaten Grundbesitzern. Einer von ihnen ist Folkert Meyer.

Seit dem ersten Festival 1997 verpachtet er 40 Hektar an den Veranstalter. Gern mache er das, sagt der Landwirt – umsonst aber nicht. Auf den Verdienstausfall kommt noch etwas „Schmerzensgeld“. „Sonst könnte ich ja gleich Getreide anbauen“, sagt der 49-Jährige. „Wenn da Tausende drüber getrampelt sind, muss man gucken, dass man die Verdichtung wieder raus bekommt“, erklärt er: „Da wächst schon noch was.“

Als am Freitag die ersten Bands spielen, steht auch der Landwirt, der „am Rande des Hurricanes“ wohnt, mit seiner Frau in der Schlange vor dem Festival-Gelände. Freikarten gibt es jedes Jahr als Extra. „Zwischendurch müssen wir auch noch mal melken oder schlafen, aber sonst sind wir jeden Tag dabei“, sagt er.

Neu beim Hurricane ist Uli Hochstadt. Der 50-Jährige bewirtschaftet einen Demeter-Hof bei Hollenstedt. Auf dem neuen Bauernmarkt am Rand der Zeltplätze verkauft er frisches Brot, Apfelsaft und Chili con Carne – auch für Veganer. „Die haben hier nur auf uns gewartet“, sagt er. Bio-Chili als Kontrast zu Dosen-Ravioli.

Keine Standgebühr

Nicht nur das Chili aus der 52 Jahre alten Gulaschkanone der Nationalen Volksarmee kommt beim Festival-Volk an, auch der Landwirt selbst. „Das beruht auf Gegenseitigkeit“, sagt Hochstadt, der sich mit jedem unterhält, der vorbei kommt. Für ihn steht fest: „Wir kommen wieder.“

Die Preise auf dem Bauernmarkt sind nicht höher als bei herkömmlichen Ständen. „Das können wir aber nur machen, weil der Veranstalter uns hier haben wollte“, meint Hochstadt. Das erste Jahr wird ihm die Standgebühr erlassen. Schließlich soll das Festival „grüner“ werden.

Müll bleibt trotzdem liegen – und das nicht zu knapp. „Es ist schon erschreckend, was Menschen an Müll produzieren und liegen lassen“, meint Landwirt Meyer mit Blick auf seine Äcker. Leere Bierdosen, abgefackelte Pavillons, verbogene Zeltstangen im Boden. Doch der 49-Jährige nimmt es locker: „Die Freude der jungen Leute überwiegt die Trauer über das Feld.“ Nachdem die Aufräumtrupps am Werk waren, sieht die Welt ohnehin schon wieder anders aus. Zumindest für ein Jahr.

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