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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Bis Spiel und Film eins werden

18.04.2016

Oldenburg Das mit dem Film hat dann ja doch noch geklappt. Nur anders als gedacht. Ursprünglich hatte sich Rocko Schamoni, „der Dorfpunk aus Lütjenburg“, wie er im Programmheft kurzerhand genannt wird, eine Verfilmung seines grandiosen, aber unlustigen Romans „Fünf Löcher im Himmel“ vorgestellt – die Roadnovel als Roadmovie.

Und siehe da: Als Theaterstück funktioniert
das Buch ebenso gut und gewinnt sogar an Witz – sofern man es, wie Schamoni, so hemmungslos und so cineastisch inszeniert. Bis zum ebenso überraschenden wie fatalen Ende.

Hemmungslos, weil er gemeinsam mit Chefdramaturg Marc-Oliver Krampe eine fantasievolle Theaterfassung geschaffen hat, die am Sonnabend bei der Uraufführung im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters auf große Zustimmung traf. Sie lässt das 190 Seiten starke Buch auf 80 rasante Bühnenminuten zusammenschnurren, opfert beherzt ganze Passagen, deren Inhalt vorab oder zwischendurch erzählt wird.

Und das Konzept geht auf. Nicht nur wegen der hervorragenden Schauspielerriege, sondern auch wegen der Videosequenzen, die sich nahtlos einfügen, bis Spiel und Film eins werden. So kann es passieren, dass der alkoholische Nachschub von der Theke (real auf der Bühne) den grölenden Kneipengästen auf ihren Stühlen (im Video dahinter) gereicht wird.

In der Oldenburger Theaterfassung brechen die beiden scheinbar unverwüstlichen Alten, Paul Zech (überzeugend in seiner schlurfenden Traurigkeit: Thomas Birklein) und Kneipenwirt Pocke (bei aller massigen Präsenz verletzlich: Thomas Lichtenstein), zu ihrer letzten großen Sause in Pockes altem Schlitten auf. Angeblich ein ziemliches Geschoss, für das in Schamonis Inszenierung aber zwei schlichte Stühle ausreichen.

Eine charmante, handgemachte Lösung, für die keine Kamera nötig ist. Pantomime tut’s auch. Auf dem Rücksitz hockt der „Alte Eier Joe“, Pockes zerzauster Vogel (frech und biestig: Jens Rachut).

Die Szene im „Auto“ – im Hintergrund eine Straße irgendwo am Rande von Oldenburg in Endlosschleife –, in der Lichtenstein plötzlich einen Schlager über die lebenserhaltende Bedeutung von Eiern singt – ist eine der schrägsten im Stück.

Während Pocke nur weg aus Hamburg will und auf keinen Fall zurück nach Friesoythe („wie Tschernobyl, nur ohne Atom“), hat Paul ein Ziel. Er fährt quasi zurück in seine Jugend, immer seinem Tagebuch nach, als er in einer Schultheateraufführung von Goethes Werther seine erste große und desaströs endende Liebe erlebte.

Die Proben mit Katharina als Lotte (Diana Ebert, die enorm wandlungsfähig später auch eine Kellnerin spielt) und Pauls Widersacher Franz Keil als Werther (schön schnöselig: Maximilian Pekrul, später auch einer der beiden rechtsradikalen Wirtshausschläger) sind bruchlos eingebaut.

Der jugendliche Paul trifft sein alt gewordenes Ich: ein ganz besonderes Duett zwischen Rajko Geith (eine etwas handzahmere, knuffigere Ausgabe von James Dean) und Birklein vor einem imaginierten Spiegel. Da wird Scha­moni wieder ernster, lässt er Träume von einer aufregenden Zukunft auf die Desillusionierung des Alters treffen – das Leben nur eine kurze Pause vor dem Tod.

Allerdings nimmt der Regisseur seine Erkenntnis auf der Bühne leichter als der Autor im Roman. So leicht, dass er sogar selbst mitspielt, in Video und Fernseher versteckt. Und auch noch einen Schlager singt. Irgendetwas über Eier.


Alle NWZ -Kritiken unter:   www.nwzonline.de/premieren 
Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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