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Bücher Blick in schwieriges Gelände

Matthias Hoenig

Göttingen - Knapp zwei Monate vor der Bundestagswahl im November 1972 schreibt Günter Grass an Willy Brandt: „Lieber Willy, ein Freund rät Dir: bitte, nach vorne argumentieren und nicht nach rückwärts sinnieren und klagen.“ Unterzeichnet hat der Schriftsteller mit „Dein Günter Grass“. Am Ende errang die SPD mit 45,8 Prozent ihren größten Erfolg. Später lobte Willy Brandt den Beitrag auch von Grass an diesem triumphalen Wahlsieg.

Dies ist nur eine Facette des umfangreichen Briefwechsels zwischen dem berühmten Schriftsteller („Die Blechtrommel“), der 1999 den Literaturnobelpreis erhalten sollte, und dem ebenso angefeindeten wie verehrten charismatischen SPD-Politiker, der für seine Entspannungspolitik bereits 1971 den Friedensnobelpreis bekommen hatte.

Sechs Jahre Arbeit

Fast über drei Jahrzehnte haben sich Grass (85) und Brandt (1913–1992) immer wieder geschrieben. Oft ging es um Formulierungshilfen für Brandt-Reden und sogar die Regierungserklärung 1969 („Wir wollen mehr Demokratie wagen“), oft aber auch um politische Dreinrede in die Tagespolitik. Den Höhepunkt bildete die Kanzlerschaft Brandts von 1969 bis 1974, danach ebbte der Briefwechsel merklich ab, wobei Umfang und Zahl der Briefe von Grass deutlich überwogen.

Trauriger Tiefpunkt einer politischen Entfremdung bildete 1989/1990 die unterschiedliche Einschätzung der schnellen deutschen Wiedervereinigung. Während Grass auch mit Blick auf den Holocaust eine Wiedervereinigung ablehnte und einer Konföderation das Wort redete, meinte Brandt: „Noch so große Schuld einer Nation kann nicht durch eine zeitlos verordnete Spaltung getilgt werden.“

Der Literaturwissenschaftler Martin Kölbel hat die umfangreiche Korrespondenz in Archiven zusammengesucht und gelungen mit zusätzlichen Dokumenten aufbereitet. So kommt der Band „Willy Brandt und Günter Grass: Der Briefwechsel“ auf mehr als 1200 Seiten. Insgesamt sechs Jahre investierte Kölbel in das Projekt. Neben Grass mussten auch die Witwe Brigitte Seebacher-Brandt und der Beirat des Willy-Brandt-Archivs ihre Zustimmung zur Veröffentlichung geben.

Wie fing die „gelingende Liaison von Geist und Macht“ (Kölbel) an? Grass, so machen Dokumente deutlich, empfand große Sympathie für Brandt: weil Herbert Karl Ernst Frahm – so dessen Geburtsname – völlig unbelastet war von der NS-Vergangenheit. Das Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) verließ nach der NS-Machtübernahme 1933 Deutschland und ging nach Norwegen ins Exil. „Willy Brandt“, wie er sich seitdem nannte, kam erst nach dem Krieg zurück nach Deutschland und musste von konservativen Kreisen teils polemische Anfeindungen als „Vaterlandsverräter“ ertragen.

„Klugscheißereien“

Grass wiederum hat aus seiner jugendlichen Verblendung für die NS-Ideologie kein Hehl gemacht, auch wenn er seine kurze Mitgliedschaft in der Waffen-SS als 17-Jähriger erst 2006 in seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ offenbarte.

Gemeinsames Fundament der beiden war der Wunsch, die Verkrustungen der Adenauer-Ära aufzubrechen, aber auch die Entspannungspolitik. Nach dem Rücktritt Brandts als Folge der Guillaume-Affäre 1974 erklärte auch Grass seinen „Rücktritt“. Schon ein halbes Jahr zuvor, im November 1973, hatte Grass seiner Enttäuschung über Brandts Regierungspolitik öffentlich Luft gemacht.

Indirekt darauf Bezug nehmend schrieb Brandt: „Lieber Günter, ohne Zweifel, wir geraten in schwieriges Gelände.“ Monate nach seinem Rücktritt notierte Brandt über die Ursachen seines Rücktritts wegen Guillaume: „Günter Grass: „Denkmal“ + andere Klugscheissereien.“

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