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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Blick zurück in aller Gelassenheit

12.07.2016

Oldenburg Es ist fast schon ein Klischee: Der Schauspieler, der von Bühne und Beifall nicht lassen kann. Dieter Bähre liegen derlei Klammergriffe fern. Nach 31 Jahren am Oldenburgischen Staatstheater verabschiedete er sich 2001 in den Ruhestand, seit 2003 ist er „ganz raus“ und besucht nur noch selten eine Aufführung.

Bedauern? Keine Spur. „Ich führe jetzt ein anderes Leben und genieße es“, sagt er und lässt sich auch zu seinem 80. Geburtstag am 19. Juli nicht von der Vergangenheit vereinnahmen: Gefeiert wird in Berlin bei Tochter Julia „und nur mit Verwandten“.

Damit ist es ihm ganz ernst, obwohl er sonst seine Gesprächspartner gern darüber im Unklaren lässt: Ernst, Spaß oder Ironie? Bei Dieter Bähre weiß man nie. Er habe eben ein „fröhliches Gemüt“, sagt der gebürtige Hannoveraner über sich selbst, guckt verdächtig harmlos und ergänzt: „bei aller Ernsthaftigkeit“.

Angefangen hatte seine Karriere in Hannover vor 63 Jahren: Er debütierte 1953 als Schüler-Statist, durfte 1954 schon etwas sagen, wenn auch nur einen einzigen Satz, wählte dann aber erst mal was Sicheres: eine Banklehre. Viele Kunden und Kontonummern hat er heute noch parat, wogegen Namen von Kollegen oder Stücktitel schon mal auf sich warten lassen.

Der Bank-Ausbildung folgten die Schauspielschule und feste Engagements in Coburg, Aachen, Hannover, Marburg, Bielefeld – „und von da an ging’s bergab“, frotzelte er noch 2001. Ein Scherz!

Drei Intendanten hat er seit 1970/71 in Oldenburg erlebt – Harry Niemann, Hans Häckermann und Stephan Mettin – und Hunderte von Rollen gespielt: etwa die Titelfigur in Heinar Kipphardts „Bruder Eichmann“ (1984/85), den Ehemann in der Tragikomödie „Offene Zweierbeziehung“ von Dario Fo und Franca Rame (an der Seite von Elfi Hoppe 1985/86) und natürlich den Faust in der legendären Marathon-Inszenierung von Gerhard Jelen im Jahr 1983.

Um sich abzulenken, habe er vor der Aufführung den Fußboden in der Küche gewischt, erinnert er sich. Überhaupt liegt dem Kammerschauspieler das Praktische und Handwerkliche im Blut: In seiner knapp bemessenen Freizeit restaurierte er nicht nur alte Möbel, sondern renovierte auch ein fast 100 Jahre altes Bauernhaus, das er sich gemeinsam mit seiner Frau gekauft hatte, vom Fußboden bis zur Decke. Vieles hat er sich selbst zugetraut, auch wenn die Küche zwischendurch aussah „wie nach einem Bombenangriff“.

Aber zurück zum Theater. Neben den „Sternstunden“ erinnert sich Bähre gern an viel Komisches: etwa an das Gebiss, das einem seiner Kollegen während einer Aufführung des Schauspiels „Die zwölf Geschworenen“ halb aus dem Mund flog (und an seinen eigenen nicht aufzuhaltenden Lachanfall), an das Ehepaar, das offenbar erbost eine „Räuber“-Vorstellung verließ und dem er dann laut hinterherrief: „Das ist von Schiller!“.

Und dann an jene Dame im damaligen Spielraum, nur etwa einen Meter vom Schauspieler entfernt sitzend, die in enervierender Langsamkeit und mit unendlichem Geknister in einer Aufführung von „Bruder Eichmann“ ein Bonbon auswickelte. „Kann das mal aufhören!“, zischte Bähre ihr mitten in einer Szene zu. Da hörte der Spaß dann selbst für ihn auf.

Und nun ein anderes Leben, mit viel Freizeit für sich und die Enkel – „nach Berlin kann ich fahren, wann ich will“. Selbst Wiederholungen im Fernsehen sind für ihn nicht ärgerlich, sondern Grund zur Freude, denn die Erstausstrahlungen habe er in seiner aktiven Zeit als Schauspieler „ja immer verpasst“.

Spricht’s und schaut aus graublauen Augen harmlos auf sein Gegenüber.

Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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