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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Bloß gehämmert oder gezogen?

29.09.2012

Oldenburg /Hannover Nur Ärger mit dem Edelmetall: Noch immer ist man sich in Hannover und Syke nicht einig, welches Museum den „Goldhort von Gessel“ – den zweitgrößten prähistorischen Hortfund in Deutschland seit 1913 – am Ende aufbewahren und ausstellen darf. Eine Kontroverse entzweit aber auch Archäologen: Wurden die Golddrähte der Schmuckobjekte, die 3300 Jahre ungestört im Erdboden lagen, gehämmert (altertümlich) oder gezogen (fortschrittlich)?

Zwar nur eine wissenschaftliche Detailfrage, die aber seine Kollegen in zwei „unversöhnliche Lager“ spalte, sagt Bezirksarchäologe Friedhelm Wulf vom Landesamt für Denkmalpflege in Hannover. Am Freitag holte er sich daher fachlichen Rat in einer Oldenburger Goldschmiede.

Sensationeller Fund

Mitbringen konnte der 56-Jährige die 117 Goldobjekte mit einem Gesamtgewicht von 1,8 Kilogramm zwar nicht – der sensationelle Fund ist unersetzlich und nicht zu versichern –, aber dafür hatte er Makrofotografien von jedem einzelnen Stück anfertigen lassen. Bei den Objekten handelt es sich überwiegend um unterschiedlich große Spiralen, die zu acht Ketten zusammengesteckt wurden, einen Wendelring, einen offenen Armreifen und eine zusammengebogene, verzierte Gewandspange (Fibel). Die eng gepackte Anordnung des Schatzes deutet nach Ansicht der Archäologen darauf hin, dass er in einem Beutel verwahrt wurde, verschlossen mit Nadeln aus Bronze, an denen mit Hilfe des Landeskriminalamtes noch Leinenfasern identifiziert wurden.

1,8 Kilogramm schwerer Goldfund

„Der Goldhort von Gessel“ – 117 Objekte mit einem Gesamtgewicht von rund 1,8 Kilogramm Gold – ist bei archäologischen Voruntersuchungen zum Bau der Nordeuropäischen Erdgas-Pipeline (NEL) im April 2011 nahe dem Syker Ortsteil Gessel im Landkreis Diepholz entdeckt worden. Die Fundstücke werden in die mittlere Bronzezeit (14. Jahrhundert v. Chr.) datiert.

Bisher wird vermutet, dass Teile des Goldes aus Zentralasien stammen.

Die wissenschaftliche Untersuchung des Schatzes wird noch Jahre in Anspruch nehmen. Geklärt werden müssen unter anderem alle Fragen der Herstellungstechnik. Nach Ansicht einiger seiner Kollegen, erläutert Wulf den beiden Goldschmiedinnen Imke Köhne und Swenja Hillen, ist die Ziehtechnik des Goldes erst 800 n. Chr. von den Wikingern erfunden worden. Andere dagegen halten die Menschen der Bronzezeit für fortschrittlicher und führen zum Beweis ein Schiffswrack aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. an, in dem sich ein Ziehblock aus Bronze befand.

Wulf selbst gehört dem Fortschrittslager an und findet in den beiden Frauen die gesuchte Unterstützung. Am Beispiel eines kleinen Stückes Sterlingsilber führt Swenja Hillen die Ziehtechnik vor: Das kantig geformte Stück wird immer wieder durch einen Metallblock mit verschieden großen, konisch geformten Löchern gezogen, bis es sich zu einem dünnen Silberdraht formt. Dasselbe funktioniere auch mit Gold, das in der 900er Legierung, aus der die Fundstücke hergestellt wurden, so weich „wie Butter“ sei.

Am Handwerk der Goldschmiede habe sich über Jahrhunderte hinweg wenig geändert, ergänzt Imke Köhne: „Das können wir heute noch genauso machen.“ Dass schon Goldschmiede aus der mittleren Bronzezeit über die entsprechenden Kenntnisse verfügt haben, hält sie für „absolut möglich“.

Auch der gedrehte Armreif sei „ganz einfach“ herzustellen, erklären die Frauen. Und nehmen zur Demonstration erneut ein dünnes kantiges Silberstück, setzen eine Zange an und beginnen, es aufzudrehen. Auf den ersten Blick erkennen sie auch, dass die Ringe an der gebogenen Fibel angeschweißt wurden, ohne den Einsatz von zusätzlichem Metall.

Forschungsantrag

Nach der Theorie des Bezirksarchäologen handelt es sich bei den Schmuckstücken um „Massenware“, manche Teile seien erst halbfertig. Er vermute, dass sie einem Händler gehörten. Womit sich den Wissenschaftlern wiederum neue Fragen stellen.

In einem nächsten Schritt soll gemeinsam mit dem Institut für Anorganische Chemie der Leibniz Universität Hannover ein Forschungsantrag gestellt werden mit dem Ziel, jedes Fundstück auf die Herkunft des Goldes und die Herstellungstechnik hin zu untersuchen. Dazu müssten alle Objekte nachgearbeitet und in jedem Arbeitszustand penibel dokumentiert werden.

Ein halbes Kilo Gold benötige man dafür, sagt Wulf. Beim derzeitigen Goldpreis für rund 25 000 Euro. „Und das ist das Problem.“

Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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