Heide - Wenn Reinhardt Kirchhoff seine weihnachtliche „Dienstkleidung“ angezogen hat und die Stimme auf Bass umstellt, erkennt ihn niemand mehr. Selbst der eigene Sohn, der erst noch keck behauptete, „ich weiß, wer du bist“, zog sich bei einer Weihnachtsfeier zweifelnd zurück, nachdem der verkleidete Vater ihn angebrummt hatte: „Was weißt Du?!“ Oder der Polizist in Hude, der ihn seit Jahren kannte: „Wer bist Du eigentlich“, wollte der wissen.

Reinhardt Kirchhoff ist der Weihnachtsmann. Seit fast 40 Jahren: In der Huder Ortsgruppe des Deutschen Schäferhundvereins, wo der 68-Jährige, der in Heide wohnt, immer noch Vorsitzender ist, brauchten sie 1975 bei der Weihnachtsfeier einen, der den roten Mantel überzieht. Kirchhoff tat es – und blieb dabei. Zuerst in den Familien von Vereinsmitgliedern und Freunden, dann bei weihnachtlichen Veranstaltungen in Hude, in seiner Heider Nachbarschaft, schließlich in der ganzen Region. Dass er ein perfekter Weihnachtsmann ist, sprach sich herum. Und weil Kirchhoff mit dem Honorar für seine Auftritte die Tschernobyl-Hilfe unterstützte, hatte er selber Interesse an möglichst vielen Verpflichtungen.

Es gab Heiligabende, an denen der Bauschlosser, der zuletzt beim OOWV beschäftigt war, erst kurz vor Mitternacht nach Hause kam. Seine Frau Erika wartete solange mit dem Weihnachtsessen. Gut in Erinnerung ist ihm ein Weihnachtsfest in den Neunzigern: „Ich hatte zwölf Termine“, erzählt er, „und ausgerechnet an dem Abend war Glatteis.“ Als er seine letzte Station am Heuweg in Heide erreichte, lagen die Kinder schon schlafend im Bett. „Die wurden wieder aufgeweckt“, schmunzelt Kirchhoff.

Wenn das Wetter ihm nicht in die Quere kommt, hält der Weihnachtsmann seinen Zeitplan aber penibel ein – niemand soll auf ihn lange warten müssen. Den Familien kündigt er seine Ankunftszeit telefonisch an. Auch was er zu sagen hat, bereitet Kirchhoff sorgfältig vor: In sein goldenes Buch hat er Gedichte und Geschichten eingeklebt, dazu kommen dann die Spickzettel mit Informationen über die Kinder. Auf keinen Fall mag er nur tadeln: „Ich sage den Eltern immer, sie sollen auch etwas Gutes aufschreiben.“ Denn: „Ich will Weihnachten kein Kind heulen sehen.“ Darum achtet Kirchhoff bei seinen Auftritten sorgsam darauf, wie weit er bei den Kindern gehen kann. Zwar will der Weihnachtsmann als Respektsperson betrachtet werden, „aber niemand soll vor mir Angst haben.“

„Allerdings gibt es auch ein paar Rabauken“, weiß Reinhardt Kirchhoff. Auf Weihnachtsmärkten bekommt er es schon mal mit allzu übermütigen Jugendlichen zu tun. Da kann der Weihnachtsmann dann durchaus energisch werden. Aber es passiert auch mal, dass Erwachsene ihn mit ihrer Dreistigkeit verblüffen. So wie die Dame, die ihr Enkelkind anhielt, doch noch gleich ein Geschenk für den Bruder, der krank im Bett liege, aus dem Sack des Weihnachtsmanns mitzunehmen. „Ich kannte die Familie“, erzählt Kirchhoff. „Da gab es gar keinen Bruder!“

Hergen Schelling
Hergen Schelling Redaktion für den Landkreis Oldenburg (Leitung)