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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Bockwürste für Rache-Engel

04.05.2009

WILHELMSHAVEN Die bunten Papiergirlanden liegen noch am Boden, da kommt Claire Zachanassian wie ein Wirbelwind als Heilsbringerin über den Ort Güllen. Wie eine Erscheinung des Himmels thront sie über der Stadt auf einem bunten Haufen Krepp und fordert Tribut. Es wird Blut fließen, weiß die Milliardärin („Ich kenne die Welt, weil sie mir gehört“) und wartet wie eine fette Spinne in ihrem Netz auf den Augenblick der Rache.

Zachanassian ist eine durchweg imposante Erscheinung in der Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts modernem Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ an der Landesbühne Nord, die nun am Sonnabend Premiere im Wilhelmshavener Stadttheater hatte. Friederike Frerichs füllt die Titelrolle der Claire Zachanassian mit Verve und Präsenz aus.

Mit Hochsitz

Im Handumdrehen entledigt sie sich ihrer Ehemänner wie andere Leute der Stubenfliegen, verwaltet von einem Hochsitz aus ihr Vermögen und wartet darauf, dass ihre Falle zuschnappt. Die Bewohner sollen ihr den ersten Liebhaber Alfred Ill töten, der ihr vor 45 Jahren mit bestochenen Zeugen den Unterhalt für sein Kind vorenthielt. Der Lohn: Eine satte Milliarde! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Gier obsiegt.

Dürrenmatt hat das Drama so angelegt, dass nur zwei Figuren als moralische Antipoden aufeinander treffen. Claire, die wie in der antiken Tragödie von einem unstillbaren Drang nach Rache getrieben wird. Und Alfred Ill (Thomas Hary), der seine Schuld anerkennt und sich schlussendlich aus freien Stücken in sein Schicksal fügt. Überzeugend ringt Hary mit der Angst und der eigenen Überzeugung.

Der Rest des zahlreichen Personals dient Dürrenmatt, um die von ihm konzipierte Tragikomödie mit geckenhaft überzeichneten Kleinbürgern zu bevölkern. Regisseurin Eva Lange verwendet sehr viel Energie darauf, sie zu persiflieren. In den zwei ersten Akten drehen die Spießbürger luftige und lustige Pirouetten, der gemischte Chor gibt eine herrlich schräge Interpretation von „Kuckuck ruft’s aus dem Wald“ und man stößt mit Bockwürsten auf die vermeintliche Wohltäterin an.

Verdorbene Menschen

Vor allem die beiden gealterten blinden Eunuchen, die von Zachanassian verstümmelten Zeugen (Georg Lippert und Jarno Stiddien), ziehen die Handlung immer wieder ins Groteske.

Im dritten Akt lässt die Regie dann allerdings alle Faxen fallen und steigert das sarkastische Geschehen konsequent in blanken Zynismus. Der Höhepunkt ist erreicht, als der Bürgermeister (Stefan Ostertag mit dem monströs goldenen Schlüssel) an Ills Gemeinschaftsgefühl appelliert. Er möge den Bürgern die Bürde der Schuld nehmen und sich selbst erschießen.

Aus dem anfänglich etwas unstrukturiert wirkenden Geschehen kristallisiert die Regie am Ende ganz im Sinne von Dürrenmatt eine ätzende Parabel auf die verdorbene Menschheit.

Das bitterste daran ist, dass man niemand einen Vorwurf machen kann, obwohl einem das Messer in der Tasche aufgeht.

Karten: 04421/94 01 15

Alle NWZ-Theaterkritiken lesen Sie unter: www.NWZonline.de/theater

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Wilhelmshavener Stadttheater | NWZ

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