Bremen - Als das Musical „Hair“ Ende der 1960er Jahre entstand, traf es mit seiner Protesthaltung und seiner frechen, freizügigen Machart, die damals absolut neu war, in besonderer Weise das Lebensgefühl einer enttäuschten Jugend, die das Stück begeistert annahm und ihm Kultstatus verlieh. Die Annahme, dass die damalige Hippie-Bewegung ihre Entsprechung wieder in der Generation der Love-Parade findet und „Hair“ deshalb zeitlos geblieben sein könnte, ist sicher zu einfach.
Lebensentwürfe
Auch findet sich die musikalische Identifikation heute wohl nicht beim Rock, sondern eher bei Techno. Aber jeder der Songs dieses Musicals, das keine geschlossene Handlung aufweist, ist ein Hit, so dass sich der Reiz heute eher nicht aus dem Ausdruck eines Lebensgefühls ableitet, sondern eine Inszenierung sich vor allem auf die fetzige Musik und die Bühnenshow konzentrieren muss. Nicht so in der Inszenierung im Bremer Theater am Goetheplatz.
Nach Ansicht des Regisseurs Robert Lehninger äußert sich heutiger Protest gegen das Establishment eher in individuell gewählten, alternativen Lebensentwürfen. Deshalb hat er einige Bremer (darunter sogar Altbürgermeister Henning Scherf) zu ihren Lebensformen und Ansichten interviewt und als Videos einspielen lassen, untermalt von elektronischen Klängen der Band Warren Suicide, von der auch die Musik neu arrangiert wurde.
Diese Videos nehmen einen breiten, viel zu breiten Raum ein und sind mit ihren oft drögen, belehrenden oder banalen Aussagen langweilig und in dieser Häufung fast nervig. Die Charaktere des Musicals werden vom Regisseur hingegen so gut wie gar nicht herausgearbeitet, ihre Geschichten erschließen sich kaum. So landet die Produktion in einer zwar engagierten, aber mit der ständigen Aufzählung der üblichen Reizworte letztlich lähmenden Pseudo-Bedeutsamkeit.
Schiffsbrücke
Unterstrichen wird das von der Choreografie von Samir Akika, die diese Bezeichnung kaum verdient: Zuckungen, Herumgehopse und eine immer wieder gleiche „Bodengymnastik“ waren für die Zuschauer mindestens so anstrengend wie für die Ausführenden. Auf der Bühne befand sich eine fantasievolle Behausung mit dem Namen „Monte Verita“, die entfernt an eine Schiffsbrücke erinnerte und Raum für Kissenschlachten und andere Aktionen bot.
Immerhin ist der Aufwand dieser spartenübergreifenden Produktion anzuerkennen. Die Bremer Philharmoniker unter Daniel Mayr, Sänger, Schauspieler, Tänzer, Opernchor und ein eigens gegründeter Bürgerchor vereinten sich zu einer beachtlichen Ensembleleistung. Längst nicht alle Songs des Musicals fanden Eingang in die Inszenierung, aber die klassischen Hits von „Aquarius“ bis zum hoffnungsvollen „Let The Sunshine In“ wurden teilweise hervorragend (Annemaaike Bakker, Marysol Schalit, Lotte Rudhart), teilweise bemüht (Leon Ullrich als Claude) gesungen.
