BONN - Die filmische Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit trieb in den vergangenen Jahren unterschiedliche Blüten und bot bisweilen auch Zündstoff. Anlass zur Diskussion bietet auch der neue Film von Oskar ­Roehler, der an diesem Donnerstag in den Kinos anläuft.

Roehler verfilmte die Entstehungsgeschichte des wohl perfidesten antisemitischen Propagandafilms der Nationalsozialisten. In seinem Film „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ geht es um die gefährliche Verführungskraft der Nazis. Hintergrund ist der auf Geheiß von Adolf Hitler entstandene Streifen „Jud Süß“. 1939 verfilmte Veit Harlan, einer der populärsten Regisseure des Dritten Reichs, die Geschichte des jüdischen Kaufmanns Joseph Süß Oppenheimer, der im 18. Jahrhundert aus dem Jüdischen Ghetto zum Finanzberater des Herzogs von Württemberg aufstieg und später wegen angeblichen Hochverrats und Vergewaltigung am Galgen endete. Gespielt wurde Oppenheimer damals von Ferdinand Marian, angeblich auf Drängen von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Bis heute ist der Film mit seinen antisemitischen Klischees ein sogenannter Vorbehaltsfilm: Er darf nur unter Auflagen gezeigt werden.

Roehler bedient sich dieser Originalaufnahmen und lässt Teile daraus in seinen Film einfließen. Das erschien manchem Kritiker im Vorfeld fragwürdig: Durch die Vermischung von Realität und Fiktion werde Geschichtsverfälschung und Legendenbildung Vorschub geleistet. Friedrich Knilli, auf dessen Marian-Biografie sich das Drehbuch unter anderem bezieht, wirft Roehler ebenfalls Unkorrektheiten vor. So wird Marians Frau im Film zur Halbjüdin, während sie eigentlich Katholikin war.

Für Moritz Bleibtreu, der in Roehlers Film den Joseph Goebbels spielt, ist der bisweilen recht freie Umgang mit der Geschichte kein Problem. „Ich meine, dass Film immer eine Überhöhung der Realität ist und sein muss, Film ist Verdichtung und Dramatisierung. Insofern hat ein Film, egal wie akkurat er recherchiert ist, am Ende des Tages mit dem echten Leben nichts zu tun“, sagte Bleibtreu bei der Premiere in Essen. Der Figur Goebbels nähert er sich über Körperlichkeit und Diktion in fast schon grotesker Weise: Mit hinkendem Bein, seltsamem Akzent und einer manierierten Körpersprache.

Roehler erzählt die Geschichte in einer Mischung aus Melodram und satirischen Elementen und hinterlässt damit einen zwiespältigen Gesamteindruck.