BONN/NüRNBERG/HAMBURG - Wie alt man sich fühlt, ist eine ganz persönliche Entscheidung. Das biologische Alter spielt heute kaum noch eine Rolle.

Von Frank Rumpf

BONN/NÜRNBERG/HAMBURG - Altern ist jüngst ein viel diskutiertes Thema. Aber ist es auch schon eines für einen Mann, der eben seinen 50. Geburtstag gefeiert hat? „Auf jeden Fall“, meinen Altersforscher. Sie verweisen auf die vielen Möglichkeiten, die sich Männern über 50 heute bieten, aber auch auf die Beschränkungen.

„Männer haben es einerseits gut“ sagt der Psychologe Uwe Kleinemas, Geschäftsführer des Zentrums für Alternskulturen in Bonn. „Bauch und Glatze, also äußere Zeichen des Älterwerdens, berühren sie noch immer weniger als vergleichbare Veränderungen Frauen.“ Andererseits aber bezögen viele Männer ihr Selbstbild fast nur aus der beruflichen Welt. Wenn das Ausscheiden aus dem Betrieb drohe, werde es höchste Zeit zu überlegen, woraus fortan der Inhalt des Lebens geschöpft werden soll.

„In dem Alter stellen sich zudem oft fundamentale private Änderungen ein“, fügt Andreas Reindl hinzu, Inhaber der Agentur für Generationen-Marketing in Nürnberg. Die Kinder sind flügge geworden, das Reihenhaus ist bezahlt, die Scheidungsraten steigen wieder. „Denken Sie rechtzeitig über sich und Ihr Leben nach“, rät Reindl.

Das ist gar nicht so einfach. „Es fehlt allein schon an guten Etiketten für diesen Lebensabschnitt“, sagt Elisabeth Niejahr, Autorin des Buches „Alt sind nur die anderen“. Zwar legen sich die Marketingexperten der Industrie für die kaufkräftigen 50- und 60-Jährigen mit Wortschöpfungen mächtig ins Zeug: „Golden Oldies, „Best Agers“ oder „Generation 50 plus“ klingen jedoch allzu künstlich, Niejahr findet sie eher peinlich als hilfreich.

Fehlt es an Etiketten, helfen Vorbilder bei der männlichen Orientierungssuche mit Anfang 50. Psychologe Kleinemas denkt an den Impresario der deutschen Popkultur, Dieter Bohlen, ebenfalls über 50: „Mitten im Leben zu stehen, darum geht es doch.“

Niejahr fällt ein anderer Typus ein: der neue Außenminister Frank-Walter Steinmeier oder der Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, ein passionierter Marathonläufer. Niejahr findet es positiv, wenn sich weißhaarige 50-Jährige wie Steinmeier nicht jünger geben als sie sind, aber auch nicht versuchen, ein schon in Ruhe verhafteter elder statesman zu werden. Die Suche nach Vorbildern zeigt aber auch, dass die große Gruppe der „jungen Alten“ sehr unterschiedliche Mitglieder hat. Nicht jeder kann sich im Rentenalter Kreuzfahrten und aufwändige Hobbys erlauben.

Ebenso verhält es sich nach Ansicht von Kleinemas mit der „vielgerühmten Erfahrung“ älterer Menschen: „Gibt man ihnen wirklich die Möglichkeit, dieses Potenzial einzubringen?“ Das Geburtsjahr, das unbeeinflussbare „chronologische Alter“, wird jedenfalls immer weniger bedeutsam. „Ob jemand 45, 55 oder 65 Jahre alt ist, wird zweitrangig, statt dessen wird es um Herkunft, Bildung, Kaufkraft und Gesundheit gehen“, prognostiziert Niejahr. Daraus folgt, dass wohl jeder für sich selbst entscheiden muss, was für ihn zu welchem Zeitpunkt würdevolles Altern bedeutet. „Die Freiheit des Alters ist auch eine Frucht der Fähigkeit,

sich zu bescheiden. Sich zu bescheiden mit dem, was wirklich wichtig ist“, so der Publizist Hermann Schreiber.

Literatur: Pat Thane (Hrsg.): „Das Alter – eine Kulturgeschichte“, Primus, 39,90 Euro; Elisabeth Niejahr: „Alt sind nur die anderen“, Fischer Taschenbuch, 8,95 Euro.