Rastede - Weniger an eine Chicagoer Gangster-Kneipe und schon gar nicht an ein Bordell aus den Randvierteln vom New Orleans der 1920er Jahre erinnerte das Palais am Sonnabend. In solchen Etablissements entstand vor gut 90 Jahren der Boogie-Woogie. Jene Musikrichtung, die nun Einzug hielt in den ehrwürdigen Saal in Rastede, wo sie damals wohl kaum gespielt worden wäre.
Boogie-Woogie- und Blues-Pianist Jörg Hegemann ließ sich vor vollem Haus nicht lange bitten und rollte direkt zu Beginn des Abends mit den Fingern über die Klaviertasten. Mit dem eigenkomponierten „Express to Boogieland“ blieb für die Zuhörer in etwa nur so viel Zeit zum Durchatmen, wie winzige Augenblicke zwischen den Boogie-Basslinien liegen. Das volle Klangbild ratterte wie eine schwere Lok durch das Palais. Eine Lok, die erst für einen kurzen Moment anhielt, als Jörg Hegemann die Nummer mit zielsicherem Glissando zum Stehen brachte.
„Ich freue mich über die intime Atmosphäre hier, das hat man selten“, begrüßt Hegemann seine Bühne für den Abend. „Nun nehme ich Sie mit auf eine Reise ins Chicago der 1920er Jahre, einer Zeit von Albert Ammons, Pete Johnson und Meade Lux Lewis.“
Soviel der Einleitung, bevor Jörg Hegemann sich wieder arbeitend den Tasten zuwendet. Denn nicht nur anhand der überall wippenden Füße der Besucher wird klar, dass das Boogie-Klavierspiel eine sehr körperliche Sache ist.
Die Stuhlreihen im Halbkreis hinter dem Klavier angeordnet, gewinnt jeder Einzelne im Publikum den direkten Eindruck, man säße mit am Instrument und ließe seinen Blick begeistert staunend von der linken, rollenden Basshand zur rechten, scheinbar unangestrengt flinken Melodiehand wandern.
Mit Einsprengseln über die Geschichte des Boogie, insbesondere in Verbindung mit der Entwicklung der Schallplattenindustrie in den USA, mit Anekdoten von whiskeydurchtränkten Aufnahme-Sessions von Pianist Albert Ammons und nicht zuletzt den verschiedenen Spielweisen, wurde der Abend veredelt.
Dabei hatte Jörg Hegemann Klassiker wie „Swanee River Boogie“ und „Honky Tonk Train Blues“ im Gepäck, ebenso wie eine beinahe unbändig-wilde Version von Gershwins „Oh Lady, Be Good“ und die Ammons-Adaption von „You Are My Sunshine“. Im Gepäck an Bord der über 90-jährigen, unaufhörlich stampfenden Dampflok des Boogie-Woogie.
