BRAKE - Ihrem berühmten Sohn, dem Orgelbaumeister Arp Schnitger – 1648 hier getauft –, verdankt der Pfarrbezirk Golzwarden nicht nur das Gehäuse für die Orgel in der Kirche St. Bartholomäus. Sie verdankt ihm auch andere Errungenschaften wie die Arp-Schnitger-Gesellschaft und das Arp-Schnitger-Festival sowie seit Jahren weithin beachtete Konzerte.
Nun, im Arp-Schnitger-Festival 2011, schenkte das 22. Musikfest Bremen Golzwarden ein Premierenkonzert: Es musizierte das Arp-Schnitger-Ensemble, ein von Professor Thomas Albert initiiertes vokalinstrumentales „Orchester des 17. und frühen 18. Jahrhunderts“. Besetzt mit 15 international erfahrenen Ehemaligen und exzellenten Studierenden der Hochschule für Musik (HfK) Bremen, ausgestattet mit historischen Ins-trumenten, präsentierte das Ensemble unter der Leitung von Prof. Manfred Cordes das Programm „Musikalische Ausgangspunkte ... 1648“ – eine zeitlich um Schnitgers Geburtsjahr kreisende Erkundung von Früh- und Hochba-rock.
Beispiele geistlicher wie weltlicher Werke von Matthias Weckmann, Jan Pieterszoon Sweelinck, Christoph Bernhard und acht anderen, die damals im Norden wirkten, vermittelten dabei eine luzide Vorstellung der Klanglichkeiten jener Zeit. Monodie und Polyphonie, gregorianischer Gesang und Figuralmusik, Affekt, Schlichtheit und Pracht – das Nebeneinander, die Wechsel zueinander und zum noch fernen Bach wurden verstehbar und lebendig.
„Barocco“, die „schiefe Perle“, wirft kein schneidendes Licht zurück, sie glimmt oszillierend. Streicher (Violinen und Gamben), Bläser (Zinken, Posaunen, Dulzian) und Continuo-Instrumentalisten (Chitaronne, Harfe, Orgelpositiv) des Ensembles verstehen sich meisterlich auf diese weiche, schwingende Spielart. Wo andere Barockorchester der Versuchung erliegen, dem Klang moderner Instrumente durch Wucht und noch mehr Wucht nachzujagen, pflegen die Bremer einen achtsam der noblen Akkuratesse verpflichteten Stil, durchhörbar und sehr transparent.
Besonderes Lob verdienen die Bläser, so gediegen kommen ihre Ansätze, so zurückhaltend kultiviert geraten ihnen auch die lauten Stellen – ganz im Sinne von Cordes, dessen von edler Ästhetik geprägtem Konzept ein übergeschwindes Gangmaß ebenso fremd wäre wie übertriebene dynamische Differenzierung oder eitles Sich-in-den-Vordergrund-Spielen.
Alles hat dem Wort zu dienen, dem Wort und seiner Ausdeutung. Verstehbarkeit ist fundamental, präzise Artikulation und sinnfällige Phrasierung sind erste Sängerpflicht. Nur zögernd löst die Zeit sich aus den Fesseln des Textes, lässt sich ein auf das Wagnis des Zierrats, von Melisma und Vielstimmigkeit. Die Sängerinnen und Sänger des Ensembles skulpturieren diese Übergänge mit Atem raubender Souveränität.
Alles andere als romantisierend, sondern vielmehr erfüllt von Spiritualität, bieten Schönheit und nüchterne Klarheit der Stimmen sich dar als purer Genuss, technisch brillant und voller Tiefe. Da illuminiert ein Diskant aus Sopran und Alt die Düsternis der tiefen, erdigen Lagen mit bernsteinfarbenem Licht. Dort wächst aus klarer Monodie ein Dialog, aus ihm unversehens Polyphones, bezwingend dicht gewebt.
Das Publikum ist begeistert. Bravo-Rufe. Und eine Zugabe.
