BRAKE - Ihre Handtasche, ein Notizbuch und eine Bernsteinkette – das ist alles, was die Mutter am 20. Januar 1943 ihrer Tochter hinterlässt. Das und eine mündliche Nachricht, die die Nachbarin der jungen Margot übermittelt. „Deine Mutter sagte: Versuche dein Leben zu machen“.

Das mündliche Vermächtnis ihrer Mutter Auguste „Guschi“ Bendheim ist der Titel des Buches, in dem Margot Friedlander ihre schmerzvollen Erinnerungen als Jüdin, versteckt im Berliner Untergrund, aufgearbeitet hat. Am Mittwochabend las die heute fast 89-Jährige in der Buchhandlung Gollenstede Auszüge ihrer Erinnerungen.

Klein und schmächtig versinkt die alte Dame fast im großen Lesesessel – ihre Stimme dagegen ist klar und fest. Jung gebliebene, dunkel leuchtende Augen mustern kritisch das Publikum. Dann beginnt Margot Friedlander vorzutragen.

Als behütete Tochter eines Knopfwarenhändlers wächst Margot gemeinsam mit ihrem Bruder Ralph in Berlin heran, besucht die jüdische Schule und führt ein unbeschwertes Leben im Kreis ihrer großen Verwandtschaft. Doch damit ist es bald vorbei. Die Restriktionen des jüdischen Lebens durch die Nazis machen auch vor ihrer Familie nicht halt.

Am Tag, als Mutter und Bruder kurz vor der geplanten Flucht wahrscheinlich von der Gestapo verschleppt werden, geht die 21-jährige in den Untergrund. Sie reißt den Judenstern vom Mantel, färbt sich die Haare leuchtend rot, denn: „Ich will nicht mehr jüdisch aussehen, und Juden, die haben doch niemals rote Haare.“

15 Monate hält Margot das „Zwischenleben“ in den Verstecken aus, es helfen Freunde, jüdische und nicht-jüdische. Auf dem Heimweg vom Luftschutzbunker Zoo gerät sie im Jahr 1944 in eine Kon-trolle. Auf dem Weg zur Wache entschließt sie sich die Wahrheit zu sagen: „Ich bin jüdisch.“

Margot Friedlander: „In dem ich das aussprach, war ich wieder mit dem Schicksal meiner Familie und aller anderer Juden vereint.“ Die junge Frau wird nach Theresienstadt deportiert, überlebt mit viel Glück und emigriert 1946 in die USA. Ihre Mutter und ihr Bruder werden in Auschwitz ermordet.

Als Margot Friedlander ihren letzten Satz beendet, herrscht minutenlang beklemmende Stille im Publikum. Diese Frau hat jedes Herz und jedes Gewissen angerührt. Und eine Zuhörerin bringt ihre Betroffenheit auf den Punkt: „Unser Schweigen – das spricht Bände.“