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Literatur Ein Schriftsteller fällt aus seiner Zeit

Hans Begerow

Brake - Seine Rolle im Literaturbetrieb der 60er Jahre hat er selbstironisch und – wie es sich für einen Dichter gehört – in Reimform gesehen: „Lästig dem Ozonverbraucher nämlich Pfeifenraucher. Beim Konzert der Fingerzeiger lustlos, nämlich Schweiger.“

Dabei hat für Georg von der Vring, der vor 50 Jahren, am 1. März 1968 in München Suizid verübte, die Lyrik mehr gegolten als das erzählerische Werk. Sein erfolgreicher Gedichtband „Kleiner Faden blau“, 1954 erschienen, hat seinen Titel aus einer ebenfalls ironischen Selbstbeobachtung: „Kleiner Faden blau, aus der Pfeife steigend, freut mich, wenn ich schweigend sitz und Zeilen bau“, schrieb der passionierte Pfeifenraucher.

Erster Antikriegs-Roman

Nun, Tausende Zeilen hat von der Vring „gebaut“, darunter so wunderbare wie das „Jägerlied“ von 1939: „Wär ich ein Wild und lebt ich in Wäldern! Unter der Neige stäubender Zweige ging mir der Winter dahin.“ Erfolg hatte der aus Brake stammende Schriftsteller mit seinen Romanen, von denen gleich der erste ein Paukenschlag war. „Soldat Suhren“ war der erste Antikriegsroman noch vor Ludwig Renns „Krieg“ (1928) und vor Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ (1929), als Buch erschienen 1927 und vorab veröffentlicht in der „Frankfurter Zeitung“ ab 10. Dezember 1926.

In ihm schildert er – als Soldat Suhren (eine Anspielung auf den Geburtsnamen seiner Mutter und eine Zeit lang nannte er sich selbst Suhren) – seine Erlebnisse als Frontsoldat des 1. Weltkriegs an der Ost- und Westfront, wobei er gleich zu Beginn der Romanhandlung, die in einer Oldenburger Kaserne beginnt, den Schwerpunkt der Schilderungen auf innere Haltung und nicht auf kriegerische Handlungen fokussiert: „Der untere Rand meiner Mütze ist rot, er umsaust mein ganzes Gehirn und ist innen fettig vor Alter. Der rote Streifen sagt mir, dass sie mich gänzlich in der Gewalt haben. Der Garnisonpfarrer nennt es: die Entselbstung.“

Im Roman gibt es nur eine Schilderung militärischer Handlungen. In der Schluss-Sequenz schildert von der Vring ein Gefecht an der Ostfront, das mit der Verwundung des Protagonisten endet. Der Roman „Soldat Suhren“, erschienen im Berliner Verlag Spaeth, ist ein kommerzieller Erfolg. Er erlaubt es dem Autor, seinen Broterwerb als Zeichenlehrer am Mariengymnasium in Jever aufzugeben und fortan als freier Schriftsteller zu wirken.

Von der Vring zieht mit seiner kleinen Familie zunächst ins Tessin, später nach Stuttgart, veröffentlicht in kurzer Folge eine ganze Reihe von Romanen, die einen Bezug zum Krieg oder historische Themen haben: Auf „Adrian Dehls“ folgt „Camp Lafayette“ (spielt in einem Kriegsgefangenenlager) und „Station Mariotta“ – 1955 erscheint sein letzter (und autobiografischer) Roman „Die Wege tausendundein“.

Suizid in München

In ihnen geht es um Haltungen von Menschen, in den Romanen mit Bezügen zum Krieg oft darum, wie man sich gegenüber dem Gegner verhält. Heute erscheinen dem Leser Sprache und Konflikte, um die gerungen wird, antiquiert, aus der Zeit gefallen wie der Dichter, der seinem Leben am 1. März 1968 in München ein Ende setzte. Das entwertet nicht ihre schriftstellerische Qualität, ihr Aus-der-Zeit-gefallen-sein hat freilich den Grund in dem zeitgeschichtlichen Kontext, in dem die Texte entstanden: Bei „Soldat Suhren“ etwa hilft sie als stille wie aufrüttelnde Beobachtung des furchtbaren Kriegs dem Leser bei einer moralischen Einordnung des Geschilderten. Ähnlich ist auch der Effekt beim Lesen von „Camp Lafayette“.

Von der Vring konnte auch unterhalten: „Die Spur im Hafen“ wurde sein erfolgreichster Roman mit mehr als 440 000 Exemplaren, ein früher Heimatkrimi, in dem Brake erkennbar ist und der als „De Fall Hansen“ auch als Theaterstück auf Niederdeutsch erschien (und noch zu den Repertoirestücken der niederdeutschen Bühnen gehört).

In den 50er Jahren wurde es stiller um von der Vring. Ein Verlag deutet bei der Ablehnung eines Manuskripts an, es werde deutlich „wie weit sich die Entwicklung des Zeitbewusstseins von dem inneren Standort entfernt hat, den ihre Dichtung einnimmt“.

Wenige Wochen vor seinem Tod besuchte von der Vring noch einmal seine Heimatstadt Brake. Am 1. März 1968 verließ von der Vring grußlos seine Wohnung. Tage später wurde sein Leichnam von Pionieren aus der Isar geborgen. Er wurde auf dem Friedhof in Hammelwarden beigesetzt. Der Schriftsteller Heinz Piontek hielt die Grabrede.

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