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Reise 75 Minuten jenseits der „Traumschiff“-Idylle

Detlef Glückselig

BRAKE - Der Sonnenuntergang zum Auftakt ist von geradezu brutaler Kitschigkeit. Man könnte fast glauben, dass nun eine Folge vom „Traumschiff“ folgt. Wäre da nicht das Jazz-Stück, das inzwischen zum Markenzeichen eines Filmemachers geworden ist, der mit dem „Traumschiff“ ganz sicher nichts am Hut hat.

Rolf Hering ist Anfang Mai von einer Weltreise nach Brake zurückgekehrt. 139 Tage war er mit seiner Frau Marita unterwegs. Dass der erste von insgesamt drei geplanten Filmen, der nun fertiggestellt ist, den Titel „In 140 Tagen um die Welt“ trägt, ist nur ein kleiner Schönheitsfehler. Der Titel „In 139 Tagen um die Welt“ war selbst einem Mann wie Hering, der sein Image als Eigenbrötler mit diebischer Freunde pflegt, zu ungriffig.

Hering hat 40 Jahre seines Lebens auf See verbracht. Er war Kadett, Matrose, Offizier, Cruise-Director und Tour-Manager auf Kreuzfahrtschiffen, schließlich Ingenieur und Kapitän. Der Braker hat die ganze Welt gesehen. Warum bereist er sie dann noch einmal? Die Antwort ist einfach: Weil er die Welt nicht zusammen mit seiner Frau gesehen hat. Das hat er nun nachgeholt. Start in Hamburg am 18. Dezember 2011, Schlusspunkt Venedig am 5. Mai 2012. Fünf Kontinente, 43 Länder und 69 Häfen, Schwerpunkt Ostasien, Ziele in der Karibik, an der Westküste Südamerikas und in Australien – das sind die Eckdaten der Reise, die Marita und Rolf Hering auf der mit 30 000 Tonnen vermessenen und 600 Passagieren Platz bietenden „Amadea“ unternommen haben.

„Schönen Tach noch“

Wer Rolf Hering kennt, der weiß, dass er nicht wie ein gewöhnlicher Tourist durch die Welt reist, dass er für die „gewöhnlichen“ Touristen eher Verachtung übrig hat – genau wie für das „Schönen Tach noch“, das die Reiseleiter den Gruppen hinterherrufen, wenn diese zu geführten Touren aufbrechen. Die Herings haben die meisten Ausflüge auf eigene Faust unternommen. Und dabei war vor allem Rolf Hering schwer bepackt.

2114 Minuten Material

Selbstredend hatte der Braker, der in Venedig seinen 68. Geburtstag feierte, die Kameraausrüstung dabei. Die rund 11 000 Fotos, die auf der Reise entstanden sind, gehen weitgehend auf das Konto seiner Frau. Rolf Herings „Ausbeute“ sind 2114 Minuten Filmmaterial, entstanden in teils „obszöner Hitze“, wie Hering sagt, aufgenommen oft mit einer langen Brennweite; das gab Hering die Möglichkeit, Menschen zu filmen, ohne dass diese es merken. „Man muss ein Voyeur sein“, sagt er.

Dass muss man zumindest dann sein, wenn man den Anspruch Herings und es eben nicht auf die heile „Traumschiff“-Welt abgesehen hat. Der 75-minütige erste Film, den an diesem Mittwoch sowie am Donnerstag jeweils um 19.45 und um 23.45 Uhr der Oldenburger Kabelsender „Oeins“ ausstrahlt, umfasst den Reiseabschnitt von Hamburg bis zum Panamakanal.

„Eine nüchterne Reisedokumentation“, sagt Hering selbst über seinen inzwischen 38. Film. „Es wird gezeigt, wie es ist, und erklärt, warum es so ist.“ Das sagt sich einfach. Der Weg vom nackten Filmmaterial zum fertigen Film ist jedoch weit. Das Schneiden sei mühsam, langwierig, erfordere große Sorgfalt, die Textrecherche – vor allem benutzt Hering alte Lexika – sei besonders aufwendig, das Sprechen ein Problem.

Den großen Aufwand sieht man dem Film an, die angeblichen Probleme indes bemerkt man nicht. Wenn Hering unaufgeregt und mit leicht knarziger Stimme durch die Welt führt und dabei auch jene Ecke zeigt, die ein Tourist nicht sieht oder sehen will, ist es spannend, ihm zuzuhören und zuzusehen.

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