BRAKE - „Wenn ich groß bin, möchte ich Zirkusdirektor werden“, erzählt Jeremy Sperlich entschlossen und lächelt. Der Wunsch des elfjährigen ist für ein Kind in seinem Alter vermutlich kein ungewöhnlicher – seine Lebensumstände hingegen schon. Gemeinsam mit seinen sechs Geschwistern, den Cousins und Cousinen, Onkeln und Tanten, Eltern und Großeltern nämlich steht er Tag für Tag in der Manegen.
Jeremy ist der Sohn einer Zirkusfamilie. Das bedeutet Reisen – von Ort zu Ort, nie lange irgendwo bleiben, Tiere füttern, Stall ausmisten, Proben, Aufbauen, sechs Stunden bis das Zelt steht und schlafen in einem Wohnwagen – dem für die ledigen Männer. Die Mädchen haben einen eigenen, genau, wie die jungen Familien und die Älteren. Der Senior – sein Großvater ist 73 Jahre alt und hat den Zirkus von seinen Eltern übernommen. Früher war er Dompteur. Heute tritt Ewald Sperlich nicht mehr auf. „Nur, wenn jemand krank wird oder eine Tochter schwanger ist, dann springe ich ein“, berichtet er. „Hier können alle alles“, bestätigt seine Tochter. Auch Carmen Sperlich hat sich vor drei Jahren von der Bühne verabschiedet. „Das sollen jetzt die jungen Leute machen“, lächelt die 45-Jährige und wiegt ihre Enkeltochter im Arm. Die Anderthalbjährige gehört auch bereits dazu. Mit einer Handstandnummer tritt sie genau wie die Anderen fünf Mal die Woche vor Publikum auf. Schließlich ist Darleen auch nicht die Jüngste im Sperlich-Ensemble. Ein drei Wochen altes Eselbaby und das kleine Kamelfohlen laufen oder besser stolpern ihr dabei den Rang ab.
Ponys, Lamas, Pferde, Hunde und Ziegen – 35 Tiere kommen auf 20 Artisten und Helfer.
So richtig Urlaub haben die Vier- und Zweibeiner eigentlich nie. Während der Wintermonate werden neue Nummern einstudiert und Kostüme geschneidert. Außerdem veranstaltet der Zirkus Monaco regelmäßige Varietés an Schulen und Kindergärten. Das Vagabundenleben allerdings ist in der kalten Jahreszeit auf Eis gelegt. Wenn die Bäume ihre Blätter verloren haben, stehen die Wohnwagen der Familie in ihrer Heimat in Mecklenburg-Vorpommern.
Eine Weile hält Carmen Sperlich das aus. Aber dann zieht es sie auch wieder hinaus in die Welt. „Vor vier Jahren, in diesem harten Winter, konnten wir sechs Monate lang nicht auftreten, der Boden war so gefroren, dass nicht einmal ein Zelt hätten aufbauen können“, erinnert sich die 45-Jährige. Nicht nur die Ferne, auch das Geld fehlt den Schaustellern in solchen Zeiten – dafür werde aber immer etwas beiseite gelegt, verrät die siebenfache Mutter. Dennoch – nie habe sie sich ein anderes Leben vorstellen können. Aufgewachsen in der Manege, hat die Seiltänzerin einen Zirkussohn geheiratet – und nun lehrt sie ihre jüngste Tochter das Balancieren und kocht Nudeln für 20 hungrige Artisten, Clowns und Feuerschlucker.
„Manchmal werden welche von uns sesshaft, heiraten und bleiben an einem Ort, aber das ist selten“, berichtet sie. Ihre Kinder, die eine Fernschule besuchen und per Computer die Aufgaben lösen, könnten natürlich werden, was sie wollen, versichert sie und lächelt ihrem Sohn Jeremy zu.
