BREGENZ - Wer den polnisch-russischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919– 1996) nicht kennt, muss kein Kulturbanause sein. Selbst der Bregenzer Festspielintendant David Pountney ist nur durch Zufall auf den Zeitgenossen und Freund von Dmitri Schostakowitsch gestoßen. Zum Auftakt der Bregenzer Festspiele hat er Weinbergs Oper „Die Passagierin“ erstmals in szenischer Aufführung auf die Bühne gebracht. Das Premierenpublikum am Mittwochabend war tief berührt und erschüttert. Der Schlussapplaus begann nach drei Stunden höchster Anspannung zögerlich, mündete dann in tosenden Beifall. Als die 86-jährige Auschwitz-Überlebende Zofia Posmysz, Autorin des Romans, der Weinberg als Vorlage diente, am Ende die Bühne betrat, wurde sie mit Ovationen geehrt.
Dabei ist „Die Passagierin“ alles andere als leichter Operngenuss. Erzählt wird die Geschichte einer unverhofften Begegnung der ehemaligen SS-Aufseherin Lisa (Michelle Breedt) mit der früheren KZ-Gefangenen Martha (Elena Kelessidi) auf einem Ozeandampfer, eineinhalb Jahrzehnte nach dem Krieg. Beide sind auf dem Weg in ein neues Leben. Lisa, Frau eines deutschen Diplomaten, hatte Martha für tot gehalten. Nun muss sie ihrem geschockten Mann offenbaren, dass sie einst SS-Wärterin war.
Weinberg selbst hat seine Familie in einem polnischen Lager verloren. Aus Warschau flüchtete er in die Sowjetunion, wo er unter den antisemitischen Pogromen litt. Doch er konnte Musik studieren. „Die Passagierin“, 1968 komponiert, passte aber nicht zur kulturpolitischen Doktrin und erlebte erst 2006 eine konzertante Uraufführung in Moskau.
Der Schauplatz des Psychodramas wechselt zwischen dem Promenadendeck des Luxusdampfers auf der oberen Ebene des Bühnenbilds und der zwar stilisierten, aber bedrückenden Düsternis des KZ unten. Weinberg hat dafür eine facettenreiche Musik geschrieben, die unter die Haut geht. Das Publikum bejubelte die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Teodor Currentzis.
