BREMEN/BERLIN - Vier Jahre mussten die Fans von Lebenskünstler Frank Lehmann auf den Mittelteil der Geschichte warten. Obwohl die Romane „Herr Lehmann“ und „Neue Vahr Süd“ lange auf den Bestsellerlisten standen, ließ sich Autor und Sänger Sven Regener mit dem Abschluss seiner Trilogie viel Zeit.
Die Musik mache ihm eben mehr Spaß, sagte er 2005. Und so widmete er sich mehr seiner Folkrock-Band Element of Crime. Nun hat er sein literarisches Werk mit „Der kleine Bruder“ aber doch vervollständigt.
Regener hat seine Trilogie zeitlich ungewöhnlich angelegt und veröffentlicht – was angeblich so geplant war. Im ersten Teil „Herr Lehmann“ (2001), der 2003 von Leander Haußmann für das Kino verfilmt wurde, stellte er seinen Berliner Protagonisten vor, den schusseligen Kellner Frank Lehmann, der tendenziell glücklich durchs Leben stolperte. In der Fortsetzung „Neue Vahr Süd“ (2004) tauchte der Leser in Lehmanns früheres Leben ein, das sich bei der Bundeswehr in Bremen und in einer chaotischen Wohngemeinschaft im Steintorviertel abspielte.
„Der kleine Bruder“ schließt die Lücke und erzählt die ersten zwei Tage Lehmanns in Berlin. Der Roman beginnt mit der Anreise: Mit Punk-Kumpel Wolli lässt Lehmann sein Leben in Bremen hinter sich und fährt in seinem Opel Kadett in die Hauptstadt. Sein Ziel: sein großer Bruder Manni, der angeblich als Künstler eine große Nummer in Berlin ist.
Als Lehmann im Westberlin der 80er Jahre ankommt, ist Manni, der dort nur Freddie genannt wird, nicht da, und keiner weiß, wo er ist. Lehmann schließt sich den Mitbewohnern seines verschollenen Bruders an und lernt deren schräges Umfeld aus Künstlern, Hausbesetzern und Hippies kennen. Er besucht Kreuzberger Avantgarde-Aktionen mit durchgeknallten Performancekünstlern und begegnet der Künstlervereinigung ArschArt. Frank beginnt sich zu wundern, welche Rolle sein Bruder in dem Paralleluniversum spielte. Nach und nach erfährt Lehmann ein paar Dinge . . .
Autor Regener kennt die Welt der Kreuzberger Künstler: Der gebürtige Bremer kam 1982 nach Berlin. „Ich weiß schon, wie sich das so anfühlte“, sagt er. Leser, die damals live dabei waren, mögen beurteilen können, ob es Regener wenigstens gelingt, ein stimmiges Bild der Zeit zu zeichnen. Ansonsten ist „Der kleine Bruder“ nämlich vergleichsweise lahm.
War der erste Teil der Lehmann-Trilogie noch extrem witzig, der zweite recht kurzweilig, präsentiert sich der dritte nun fast bedeutungslos. Regener verheddert sich in den Fehden zwischen Punks und Künstlern und anderen Absurditäten. Irgendwie scheint in „Der kleine Bruder“ zudem rein gar nichts zu passieren.
Zwar packt Regener wieder seinen schnoddrigen Ton aus, doch wollen die Dialoge seiner Figuren trotzdem nicht aus der Belanglosigkeit und in Schwung kommen. Auch seine Protagonisten bleiben oberflächlicher als man das vom Autor gewöhnt ist. Die Auflösung um das Verschwinden Freddies am Schluss wirkt zudem arg konstruiert.
