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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Endzeitstimmung an der Nordsee

09.10.2018

Bremen „Der Schimmelreiter“ ist die bekannteste Novelle von Theodor Storm (1817–1888). Er vollendete sie wenige Monate vor seinem Tod. Sie ist mehrfach verfilmt und mehrfach für die Bühne eingerichtet worden. Am Thalia-Theater in Hamburg gibt es aktuell eine Fassung von Susanne Meister, in Wilhelmshaven eine von Gernot Plass.

Meer aus Plastiktüten

Alize Zandwijk inszenierte nun im Großen Haus des Bremer Theaters Storms „Der Schimmelreiter“ in einer Fassung von John von Düffel, der von 1995 bis 1996 Dramaturg am Oldenburgischen Staatstheater war. Die Fassung entstand bereits 2008.

Sie hält sich genau an die Handlung und eng an den Text von Storm. Viele Szenen, grundsätzlich ein Problem von dramatisierten Prosavorlagen, werden allerdings nur als Erzählung vermittelt. Das betrifft vor allem den langen Schluss. Gleichwohl ist der Regisseurin ein spannender Schauspielabend gelungen.

Schon das Bühnenbild von Thomas Rupert fasziniert: Ein Rundhorizont mit bedrohlichen Sturmwolken und einem kraterübersäten Mond, einem abgestorbenen Baum mit einer Kinderschaukel und einem Bühnenboden, den ein Meer von Plastiktüten bedeckt. Diese „Sündflut“ von Plastiktüten steht als Metapher für die Klimasünden unserer Zeit – Endzeitstimmung an der Nordsee. Auch Haukes eindrucksvoller Schimmel besteht aus aufblasbarem Plastik.

Zu der Grundstimmung passt auch der Beginn: Figuren mit großen Köpfen aus Pappmaché geistern wie Untote durch die fahle Szenerie. Langsam wandeln sie sich zu Menschen aus Fleisch und Blut, und das Drama um Hauke Haien, der zum Deichgrafen aufsteigt und mit seinen Visionen von einem neuartigen Deich und Landgewinnung gegen fast die gesamte, verkrustete Dorfgemeinschaft kämpfen muss, nimmt Fahrt auf.

Nur seine Frau Elke und der alte Deichobmann Jewe Manners stehen ihm bei. Wissenschafts- und Fortschrittsglaube prallen auf festgefahrene Traditionen und Aberglaube, verkörpert von Haukes Gegenspieler Ole Peters.

Innige Beziehung

Zandwijk kann in ihrer Inszenierung alle wichtigen Handlungselemente der Novelle sinnvoll und eindringlich verdeutlichen: Haukes Sieg beim Boßeln, die sanfte Annäherung an seine spätere Frau Elke oder die Geburt ihrer geistig behinderten Tochter Wienke.

Besonders Haukes innige Beziehung zu diesem Kind wird von Zandwijk gut herausgearbeitet, aber als Kehrseite der Medaille auch sein ehrgeiziges Streben nach Besitzvermehrung. Wenn die verheerende Sturmflut einsetzt, wirbelt die Windmaschine die Plastiktüten ordentlich durcheinander – Apokalypse zum Greifen.

Das Schauspielensemble kann mit einer geschlossenen Leistung überzeugen. Alexander Swoboda gibt den Hauke Haien als zielstrebig kalkulierenden, kühlen Kopf, der aber angesichts Elkes Kindbettfieber in expressiver Verzweiflung mit Gott hadert.

Nadine Geyersbach ist diese Elke, die trotz aller Widrigkeiten unbeirrbar zu ihrem Mann steht. Susanne Schrader gibt der Wienke anrührende Züge. Martin Baum ist als Ole Peters eine zynische Figur, die gezielt die Angreifbarkeit von Hauke ausspielt: „Der alte Deichgraf wurde es wegen seines Vaters, der neue wegen seines Weibes.“

In weiteren Rollen sind Stephanie Schadeweg, Benno Ifland, Guido Gallmann, Bastian Hagen und sehr präsent Gabriele Möller-Lukasz als alte Trien Jans zu erleben.

Für eine besondere Note der Inszenierung sorgt die Musikerin Maartje Teussink, die mit Klarinette, Kontrabass, Gitarre und eingestreuten Songs die düstere Stimmung verstärkt.

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