BREMEN - Die Kunsthalle feiert mit der Schau den 400. Geburtstag des Malers. Rund 60 Radierungen sind zu sehen.

Von Jörg M. Henneberg

BREMEN - Es gibt wohl kaum einen Künstler, der die Radierung derart virtuos gehandhabt hat wie Rembrandt Harmenszoon van Rijn. Die Kunsthalle in Bremen feiert den 400. Geburtstag des 1606 in Leiden geborenen Künstlers mit einer fulminanten Ausstellung seiner Radierungen in ihrem Kupferstichkabinett. Aus den über 200 Werken ihres Bestandes zeigt die Kunsthalle 60 Blätter aus allen Schaffensphasen des berühmten Niederländers. Ohne Zweifel steht Rembrandt, der Radierer, völlig gleichberechtigt neben dem Maler Rembrandt.

Des Meister des Hell-Dunkel in der Malerei war ebenso ein unerreichter Dramaturg der feinen Übergänge von Weiß zu Schwarz, die er in der Radierung unvergleichlich kultivierte. Bereits mit etwa 24 Jahren schuf er seine ersten Blätter, die eine unerhörte Freiheit im Umgang mit dieser grafischen Technik beweisen.

Die frühen Blätter haben allesamt Studiencharakter. Es sind radierte Selbstbildnisse, kleine Bettler und Genre-Szenen. Mitunter kombinierte er mehrere Szenen und Köpfe auf einem Blatt. Es gibt wohl kaum einen Künstler, der sich immer wieder selbst in seinen Selbstporträts so eindringlich analysierte und befragte wie Rembrandt. Die Frage nach der eigenen Persönlichkeit, nach dem Sinn des Daseins, nach der eigenen Wandelbarkeit durch die persönliche Situation oder den Lauf der Jahre machen diese Blätter bis heute so aufregend modern.

Rembrandt zeigt sich selbst rufend, schreiend und maßlos erstaunt über das, was sich ihm in der Welt an visuellen Eindrücken darbietet. Trotzdem hat er sich in seinen Porträts nicht selber entäußert. Der porträtierte Rembrandt schaut den Betrachter an – und so beginnt ein faszinierender Dialog zwischen dem Porträt auf dem Blatt Papier und demjenigen, der vor diesem im Kupferstichkabinett der Bremer Kunsthalle steht. Die Radierungen Rembrandts schlagen eine Brücke über die Zeit.

Tief beeindruckend ist das Selbstbildnis mit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund von 1630 oder gar die Darstellung des Barmherzigen Samariters von 1633. Eine Radierung, in der in der Dramaturgie von Licht und Schatten und der Gestik so viel Mitleid und Empfinden liegt, wie man es erst wieder fast drei Jahrhunderte später in den Radierungen des Expressionismus findet. Einen Großteil des grafischen Werkes machen biblische Szenen aus.

Rembrandt bediente sich aller Mittel, die der Tiefdruck zu bieten hat. Er grub sich mit dem Grabstichel, dem Instrument des Kupferstechers, tief in die Kupferplatte hinein. So entstanden tiefschwarze Hintergründe. Weiter setzte er Akzente durch die Kaltnadel, indem er die fertig bearbeitete Platte noch einmal überarbeitete.

Ohne Zweifel ist diese Ausstellung ein Höhepunkt im Rembrandtjahr. Man sollte sich viel Zeit nehmen, um im schönen Bremer Kupferstichkabinett die Blätter genau studieren zu können. Die Radierung ist ein intimes Werk. Sie verlangt so viel Aufmerksamkeit wie ein bedeutendes literarisches Werk – sie will nicht nur betrachtet, sondern vielmehr gelesen werden.