BREMEN - „Man schaltet das Radio ein und betritt damit einen dunklen Raum. Zunächst sucht man nach Orienterung. Stimmen erklingen, erst langsam entstehen Bilder.“ Für John von Düffel, den Autoren des neuen „Radio-Bremen-Tatort“, hat es einen ganz besonderen Reiz, das TV-Erfolgsformat vom Sonntagabend in ein Hörspiel zu übersetzen. „Wenn das gelingt, ist ein ,Radio-Tatort’ noch gefährlicher, noch spannender als Fernsehen“, sagt der Dramaturg.

Kein Krimi-Experte

Er sei kein ausgesprochener Krimi-Experte, weder als Leser noch als Autor. Das ARD-Format fasziniere ihn jedoch. „Der ,Tatort’ zieht Menschen vors Radio, für die Hörspiele eine Fremdübung sind“, meint von Düffel. Außerdem habe er als „Tatort“- Autor die Gelegenheit, dem „Reichtum der regionalen Unterschiede Deutschlands Geltung zu verleihen“. Der Erfolgsautor spielt mit dem Bremer Lokalkolorit: So sind seine skurrilen Hauptcharaktere nicht nur Botschafter des nordisch-trockenen Humors, sondern auch Repräsentanten der traditionellen Nicht-Beziehung zwischen Bremerhavenern und Bremern. „Die Charaktere sind mir ans Herz gewachsen“, sagt von Düffel – „sie haben sich weiterentwickelt im Vergleich zum ersten ,Tatort’, haben an Tiefe gewonnen“. Das ganze Format sei dadurch gewachsen.

Bei „Schrei der Gänse“ ging es im Mai 2008 um Kindesmissbrauch, Jungen wurden aus Schullandheimen verschleppt und erstickt. Von Düffels Kriminalgeschichten haben ihre Wurzeln immer in der Wirklichkeit – „es ist wichtig, dass der Leser oder Hörer weiß, dass es genauso passieren kann“, sagt er.

So ließ sich von Düffel zu seinem neuen Werk „Die Unsichtbare“ von einem Geist inspirieren, der vor nicht allzu langer Zeit durch die Medien spukte: „Die Grundfantasie meines Hörspiels ist die der großen Unbekannten, der Polizistenmörderin von Heilbronn, deren Fingerabdruck an verschiedenen Tatorten in ganz Deutschland gefunden wird“, erklärt von Düffel. Dieses Phantom sei Ursprung des „Todesengels“ gewesen, den sein Bremer Ermittlerduo im neuen Hörspiel verfolgt.

Realität verändert Fiktion

Dass der Wirklichkeitsbezug auch Nachteile mit sich bringen kann, musste von Düffel feststellen, als das reale Phantom als Bedienstete einer Wattestäbchen-Fabrik entlarvt wurde, deren Fingerabruck erst durch die Spurensicherung an die Tatorte gelangt war. „Das war zuerst natürlich ein Schock“, erzählt der Autor. Es sei jedoch noch möglich gewesen, die Wendung in die Kriminalgeschichte einfließen zu lassen – „wir haben reagiert, Szenen verändert, neue Elemente nachgedreht“. Im Grunde sei die Geschichte durch die überraschende Nachricht sogar noch spannender geworden. Schließlich seien die Mordfälle weiterhin unaufgeklärt, der Täter auf freiem Fuß. „Wattestäbchen töten nicht“, sagt von Düffel, „auch nicht im Radio.“