Bremen - Im Profiboxen wäre Herbie Hancock Weltmeister aller Klassen – und er ist allem Anschein nach jederzeit zur Titelverteidigung bereit. Der inzwischen unglaubliche 82 Jahre alte Jazz-Pianist lieferte am Dienstagabend auch auf der Seebühne in Bremen einen erfolgreichen Fight über die volle Distanz von mehr als zwei Stunden.
Dabei liegen dessen erste Welterfolge wie „Watermelon Man“, „Cantaloupe Island“ und „Maiden Voyage“ mittlerweile fast 60 Jahre zurück. In der Reihe der Blue-Note-Legenden zählt Hancock zu den Hinterbliebenen; er spielte dort zusammen mit Dexter Gordon und Freddie Hubbard, Hank Mobley, Lee Morgan und seinem besten Freund, dem nunmehr 89-jährigen Wayne Shorter. Er gehörte dem zweiten Quintett von Miles Davis an, der dem 23-jährigen Herbie Angst machte und ihn so zu Höchstleistungen antrieb.
Das alles wäre schon nicht mehr wahr und längst Vinyl-Theorie, wenn Hancock sich nicht stets neu erfunden hätte. Für das Album „Miles in the Sky“ von 1968 kaufte Davis seinem Pianisten ein Fender Rhodes und leitete damit die Ära des Jazzrock ein.
Lebenslanges Lernen
Technikfreak Hancock verwendete danach immer öfter elektronische Instrumente und Geräte: Vom Moog-Sythesizer, Hohner Clavinet, Vocoder zur Stimmverfremdung bis hin zum Laptop. Er wendete sich stärker dem Funk zu, baute die sehr erfolgreiche Fusion-Band „The Headhunters“ auf, landete direkt mit der Komposition „Chameleon“ einen Hit.
Und er ergatterte 1983 mit dem stilbildenden „Rockit“, der das Scratchen allgemein bekannt machte, einen Grammy. Für sein Album „The New Standard“ von 1996 verwandelte Hancock Popsongs von Peter Gabriel, Kurt Cobain und Joni Mitchell.
Lebenslanges Lernen also führte beim 1940 in Chicago geborenen Oscar- und Grammy-Preisträger zu dieser bemerkenswerten geistigen und körperlichen Vitalität, die Hancock vor der schmucken Industriehafenkulisse im Stadtteil Gröpelingen präsentierte. Die bestens gefüllte Tribüne ließ sich mit viel Szenenapplaus nicht lumpen.
Fünf Einzelkönner
Bei aller Brillanz: Hancock ist ein Mannschaftsspieler, der nimmt und gibt. An seiner Seite stehen in Trompeter Terence Blanchard, Bassist James Genus, Gitarrist Lionel Loueke und Schlagzeuger Justin Tyson allesamt Spitzenkönner, die altersmäßig dessen Söhne sein könnten, dem Meister aber instrumental das Wasser reichen können.
Und dass der 82-Jährige die ewige Jugend in sich trägt, offenbarte die sichere Landung nach dem beidbeinigen Schlusssprung samt AX-Synth Synthesizer über der Schulter. Der liebe Gott ist ein Jazzer!
