BREMEN - Nur von Tonaufnahmen kannte Bundespräsident Horst Köhler bisher die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Seit dem Besuch des Benefizkonzertes in der Bremer Glocke schätzt das Staatsoberhaupt sie als „ein fantastisches Orchester“. Vielleicht trifft die Vermutung amerikanischer und europäischer Kritiker ja wirklich zu, dass die Bremer unter Paavo Järvis Leitung derzeit den „aufregendsten und modernsten Beethoven“ entwerfen. Das seit 2005 stets in ein anderes Bundesland vergebene traditionelle Benefizkonzert des Bundespräsidenten bescherte Bremen einen bis zu Stehplätzen besetzten Glocke-Saal – und der Kammerphilharmonie einen umjubelten Auftritt.

Als spröde gilt das Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll op. 102 von Johannes Brahms. Doch davon lassen Christian und Tanja Tetzlaff an diesem Abend nichts spüren. Transparent, sorgfältig organisiert und nur für einen kurzen Moment im ersten Satz einmal geringfügig dick lässt das Orchester die Tutti klingen. Die Tetzlaffs sind gleichrangige und gleichempfindende Solisten, technisch den Tücken ohnehin gewachsen. Ja, sie kehren etwas von der Wucht des ersten Klavierkonzertes und der gewinnenden Geste des Violinkonzertes hervor. Aus dem Häuschen gerät der Saal dann beim zugegebenen Presto aus Zoltan Kodalys Duo.

Järvis aufrüttelnder Beethoven entsteht aus einer akribischen Detailarbeit und der musikalischen Vision, dass der Komponist sich als anfechtbaren Menschen mit allen Selbstzweifeln schildert. Die Fülle der beachteten Kleinigkeiten in der 5. Sinfonie c-Moll frappiert: Naturtrompeten mischen sich besser mit dem Gesamtklang; das Andante con moto hat genau jenes Marschhafte, was das Finale antizipiert; ab Takt 44 in diesem Finale artikulieren sich die Streicher gegen die vereinigte Wucht von Holz und Blech nicht nur hörbar, sondern auch kontrastierend.

So zeigen Järvi und die sich fast fanatisch engagierenden Musiker, dass mehr in den zum Überdruss bekannten Noten steckt – nicht hinter ihnen – als angenommen. Die innere Spannung und Dramatik kann auch das erfreulich des Pomps entkleidete Finale nicht auflösen. Diese Fünfte führt zu Glücksgefühlen, aber zu keinem befreienden Ende für ihren möglichen Helden. Sein Leben wird ein langer Weg auf unbekannten Pfaden bleiben.