BREMEN - Mit Beethoven strebten Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie vier Jahre lang immer Zielen entgegen. Mit Robert Schumann biegen sie nun erst einmal auf eine Rundstrecke ein. Alle vier Sinfonien des verblüffend modernen Romantikers umfasst das neue Projekt der Bremer, dazu Konzerte und Ouvertüren. Sammlung statt Attacke, Reisen statt Ankommen gilt erst einmal. Das ist – eindrucksvoll zeigt es das 4. Abokonzert in der ausverkauften „Glocke“ – ein beglückendes Stadium.

Es ist ein Zustand, in dem der von Schumann verehrte Jean Paul seinen Quintus Fixlein über Musik sinnieren lässt: Es gebe Töne, die ohne Kraftaufwand „unser Herz umfließen und unsere Seele so verdoppeln, dass sie sich selber zuhört“. Ebenso heroisch, doppelbödig und philosophisch klingt bei den Bremern die 1. Sinfonie B-Dur, ideal im Gleichgewicht zwischen stürmischem Impetus und dem Sehnen nach Verweilen in den Idyllen gehalten.

Järvi duldet Dunkles und Spannungsloses nicht. Aber er beraubt die Musik weder ihrer fein gesponnenen Geheimnisse noch drängt oder zwingt er sie. Die Kammerphilharmonie dient ihm dazu als ein ungemein virtuoses Instrument. Auch bei ungewohnten 20 Geigen bleibt das Klangbild überlegen gestaffelt.

An die Stelle der Naturtrompeten von Beethoven sind Ventiltrompeten getreten. Auch bei ihrer größeren Durchschlagskraft klingen Forte-Akkorde innerlich biegsam. Schumanns Orchesterwerke litten lange unter der Aburteilung, fett instrumentiert zu sein. Wer kann das noch glauben?

Geradezu selbstverständlich „richtig“ wirkt alles, was die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili Chopins 2. Klavierkonzert f-Moll antut. Bei der 23-Jährigen kommt die Virtuosität nicht aus trainierten Fingern, sondern aus dem Geist. Ihr Spiel hat Feuer und Struktur gleichermaßen. Hei, wie sauber abgesetzt und trotzdem verbunden prasseln die vertrackten 40 Vierundsechzigstel-Noten im Larghetto!

Was ihr noch an saftigem Zupacken bei Zuspitzungen fehlen mag, gleicht sie durch enormen Klangsinn ebenso aus wie durch ihr wohl kalkuliertes Gespür für die Verläufe und das Einpassen der Formen und das Mischen oder Abgrenzen von Farben. Zu Recht feiert der Saal die scheue Künstlerin.