BREMEN - Gartenliebhaber wissen: Man betritt nie zweimal den gleichen Garten, die Natur verändert sich pausenlos. Musikfreunde erfahren beim Hören von Ludwig van Beethovens Neunter Sinfonie d-Moll: Man kommt nie als der gleiche Mensch wieder aus ihr heraus.
Auf die Deutungen von Paavo Järvi mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen trifft das in besonderem Maße zu. Die heimischen Hörer im ausverkauften Bremer „Glocke“-Saal erleben das, ebenso das Publikum am gestrigen Freitag bei der Eröffnung des Bonner Beethoven-Festes.
Seit drei Jahren forschen, finden, verwerfen, suchen und entdecken die Bremer Musiker ihren Beethoven. Järvi lehnt sich fast pedantisch an den Originaltext und die Metronom-Angaben an. Die Musik erhält einen großen, drängenden Zug.
Gleichwohl lässt er Musiker und Hörer in die Weite blicken. Die „Neunte“ kündet in dieser Version vom Versuch des Individuums, über existenzielle Bedrohungen zu triumphieren: Zu kämpfen lohnt sich immer, es gibt dann auch eine Lösung.
Gleich das einleitende Misterioso „sitzt“. Es entsteht in klarer Gestalt, ohne dass es seine Geheimnisse preisgibt. Da kann Järvi die einkomponierten Kühnheiten und Querstände herausarbeiten. Die Durchführung des ersten Satzes etwa bekommt hektische Züge. Im Gegensatz dazu fragt das hereinschwebende Streicherthema im Adagio fast verschüchtert an, ob es denn mittun darf.
Solche bestürzenden Wechsel von abrupten, grüblerischen und verklärten Äußerungen könnten nach Willkür klingen.
Aber Järvi tut Beethoven keine Gewalt an. Die Musik bleibt in einem natürlichen Fluss. Wenn die Andante-Teile im Adagio nur ganz knapp schneller genommen werden, zeugt das von großer Nähe zur Partitur. Und das Chorfinale schreitet sinfonisch zielstrebig voran, gleitet nicht ins Oratorienhafte ab.
Das vorzügliche Solistenquartett (Christiane Oelze – Sopran, Annely Peebo – Alt, Steve Davislim – Tenor, Matthias Goerne – Bass) und der Deutsche Kammerchor unterstreichen Beethovens bewegendes „Ja“ zu einem tragisch überschatteten Leben.
Järvis oft bedrohlich knirschender, manchmal atemberaubend luftiger, stets aufrüttelnder Beethoven kann gewöhnungsbedürftig sein. Er kann auf CD schon weitgehend verfolgt werden. Die preisgekrönte Dritte und Achte Sinfonie sind ebenso wie die Vierte und Siebte im vorigen Jahr erschienen. Zum Beethovenfest folgen aktuell die Erste und Fünfte.
Die drei ersten Sätze der Neunten haben die Bremer in der vorigen Woche eingespielt.
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