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Kultur Ein Gläschen Rosé für die Geister

Tim Gelewski

BREMEN - Aus toten Augen stierend rücken sie den Besuchern zu Leibe: Bizango-Soldaten, einige falten ihre schwarzen Flügel auf dem Rücken, andere schwenken Kreuze vor sich her. Die Leiber der stummen Krieger sind von roten und schwarzen Fetzen bedeckt, einige sind verstümmelt, andere mit Ketten und Stricken gebändigt.

Der finsteren Armee gegenüber steht ein schmaler Mann, gekleidet ganz in weiß. Grau meliertes schütteres Haar, ein freundliches Lächeln. Rudolf Mentges aus Bremen ist Voodoo-Priester. Er führt heute eine Besuchergruppe durch eine Ausstellung im Bremer Übersee-Museum: „Vodou – Kunst und Kult aus Haiti“ (Duden-Schreibweise: Voodoo).

„Um die Kultur des Voodoo zu verstehen, dürfen wir sie nicht durch die Brille gewohnter Wahrnehmungsmuster betrachten“, sagt der Mann in weiß. Bizango, das ist eine Geheimgesellschaft des Voodoo. Die Krieger sollen sie beschützen. Die Figuren spiegeln auch den Unabhängigkeitskampf Haitis – voller Blut, Gewalt und Tod. Mit den Ketten soll ihre Kraft unter Kontrolle gehalten werden.

Voodoo feiert das Leben

„Voodoo feiert das Leben, nicht den Tod“, sagt der Bremer Voodoo-Priester. „Der Totenschädel etwa wird verehrt, weil er die Energie des Verstorbenen konkretisiert.“

Die Bedeutung der Darstellung von Tod und Leid in religiöser Symbolik wirkt für Außenstehende oft befremdlich. Ein wichtiges Symbol der Christenheit zeigt einen Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht. Seine Peiniger haben Nägel durch seine Hände und Beine getrieben. Jesus, ans Kreuz genagelt, steht für Gewaltverzicht. Auch im Voodoo gibt es das Symbol des Kreuzes – und den Wunsch nach Frieden und Harmonie.

In den Ohren der Besucher, die der Mann in weiß anführt, lärmen Trommeln. Rauch zieht durch die Luft, zwei weiß gekleidete Haitianerinnen schwingen mit gelben Tüchern zwischen anderen Menschen umher. Einige tanzen wild herum, eine Frau wälzt sich am Boden. Die Szene wird von einem Beamer an die Wand des Ausstellungsraums projiziert. Bei der Zeremonie werden die Voodoo-Geister beschworen. Zwar gibt es einen Hauptgott, aber im Alltag sind es die Geistwesen, die Loas, die die Menschen rufen. Die Gläubigen tanzen sich stundenlang in Trance – dann fährt der Geist in sie.

„Eine Ehre“, sagt Mentges. Der Geist ergreife nicht Besitz, wie es oft heiße. Vielmehr spreche er durch eine auserwählte Person. Auch er habe das bereits mehrfach erlebt. Nach Stunden des Tanzens verliere sich der eigene Geist. An das was dann komme, sei die Erinnerung flüchtig – wie bei einem Traum.

Christlich erzogen

Rudolf Mentges wird vor 59 Jahren in ein streng katholisches Elternhaus hineingeboren. Der Vater Richter, der Onkel katholischer Priester, die Tante Nonne. Wie bei seinen beiden Brüdern scheint der Weg vorherbestimmt: Abitur, Studium, Jura oder Medizin – Leitplanken, die in ein bürgerliches Leben münden sollen.

Doch der junge Mann lehnt das ab, zieht in eine Künstler-WG, spielt Theater. 1984 reist er durch Südamerika und beginnt sich für Naturreligionen zu interessieren. 1988 erlebt er in Bremen seine erste Voodoo-Zeremonie. Ein Jahr später beginnt er seine Ausbildung. 1998 lässt er sich auf Haiti zum Voodoo-Priester initiieren.

Knapp 14 Jahre später steht Mentges im Bremer Übersee-Museum. Von einem überdimensionalen Spiegel grient ein gehörnter Teufel auf ihn hinab. Er hat nur ein blindes, glasiges Auge und streckt die Zunge hinaus. Den Raum füllt diffuses Leuchten, es gibt keine Fenster, nur durch die Tür zum Nebenraum presst sich etwas fahles Licht.

„Im Voodoo gibt es den Teufel nicht“ erklärt Mentges – ebenso wenig wie das christliche Konzept von Gut und Böse. Die Geistwesen, die Loas, spiegeln den Menschen selbst. In der Ausstellung finden sich weitere Parallelen zur christlichen Symbolik: Kreuze, Heiligenbilder – die krude scheinende Mixtur geht auf die Kolonialzeit zurück.

Glauben aufgezwungen

Voodoo entstand in Westafrika als eine von vielen Naturreligionen. Die Kolonialisten entrissen die schwarze Bevölkerung ihren Dörfern, verschleppten und versklavten sie – und zwangen ihnen den christlichen Glauben auf. Die Sklaven versuchten, ihre Religion und somit ihre Identität zu wahren. Sie integrierten Bilder und Symbole katholischer Heiliger, deren Eigenschaften ähnlich denen bestimmter Loas sind, in ihren Glauben.

Ein Bildnis zeigt auf einer Art Flagge den weiblichen Loa Clairmezine. In Händen trägt er einen bronzenen Kelch, sein mit Tüchern bedecktes Haupt umstrahlt ein goldener Schein – die Ränder der Darstellung sind aus blauen, roten, grünen und weißen Pailletten geknüpft – die Ähnlichkeit zu christlichen Mariendarstellungen ist offensichtlich. Das Aussehen der Loas variiert – je nachdem wie der Kunstschaffende sie selbst erlebt hat.

Der Loa Papa Legba entscheidet, wem Einlass in die spirituelle Welt gewährt wird. Er wird bei Zeremonien immer als erster gerufen, damit er den Menschen den Zugang zu anderen Loas ermöglicht. Meist ähneln Darstellungen Legbas denen des Heiligen Petrus – im christlichen Glauben der Hüter an der Himmelspforte zu Gott.

Geister wie Menschen

Die Loas sind wie die Menschen – mit weltlichen Bedürfnissen und Fehlern. Einige sind aufbrausend, manche jähzornig. Ayizan ist der Schutzgeist der Priesterinnen, uralt, er kann kaum noch gehen. Azaka ist der Loa der Bauern – er liebt die Natur, verliert aber auch den eigenen Vorteil nie aus den Augen.

Einer der beliebtesten Loas ist Erzulie Freda – der Geist der Liebe und des Luxus. Wer ihn in Liebesangelegenheiten rufen will, sollte Schmuck, Kleider oder roten Schaumwein zur Zeremonie bereithalten – der Geist liebt Rosé.

Kampf gegen Vorurteile

Nach der Führung sitzt Rudolf Mentges im Cafe des Übersee-Museums zwischen Palmen und weißem Marmor. Er nippt an einem Orangensaft, erzählt von seinem Kampf gegen die Vorurteile, davon, wie wenig verbreitet etwa Voodoo-Puppen unter den Praktizierenden tatsächlich seien. Manche Priester nutzten sie, um Kranke zu heilen. Er erzählt von den Büchern, die er über Voodoo geschrieben hat („Vodou Initiation“), von seinem Verein für Entwicklungshilfe (www.lebendigeerde.com).

Seine weiße Kleidung hat er inzwischen unter einer dunklen Jacke verschwinden lassen. Er blickt auf die Uhr, der Alltag ruft: Mentges hat seiner Tochter versprochen, ihr heute beim Tanzen zuzuschauen. Ein Winken, dann verschwindet Bremens Voodoo-Priester zwischen den Menschen auf der Straße.

Die Ausstellung

„Vodou – Kunst und Kult aus Haiti“ ist nur noch bis zum 29. April in Bremen und letztmals in Europa zu sehen.

Die rund 350 Objekte stammen aus der Sammlung der Schweizerin Marianne Lehmann, die seit 25 Jahren in Haiti lebt.

Der Erhalt ist bedroht – aus Einnahmen und Spenden soll eine festes Museum finanziert werden.

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