BREMEN - In den Ausstellungsräumen hängen Spiegel, besetzt mit Wörtern für einen Gesichtsteil. Wer in den Spiegel schaut, richtet seinen Blick fast zwangsläufig auf den genannten Teil.

Den Arbeiten von Joseph Semah haftet etwas Suggestives an. Sie ziehen nicht nur die Augen auf sich, ihre Verbindung aus Alltagsdingen, Glas, Metall, Bronzen und Fundstücken aus alten Synagogen befremdet und provoziert Fragen.

In der Schwebe

Der Künstler antwortet in den Titelangaben, die aus lateinisch geschriebenen hebräischen Begriffen und englischen Erklärungen bestehen. Diese lenken das Denken, wenn zum Beispiel Glas- oder Metallplatten auf Bronzetieren nach Grundrissen alter Synagogen ausgelegt sind oder „Jerusalem umgeben von Bergen“ assoziieren sollen.

Semah, Enkel des letzten Großrabbiners von Bagdad, unterlegt den Arbeiten Bedeutungen, die ihre Wurzeln in der jüdischen Tradition haben, aber auch von Gegenwartsproblemen bestimmt werden. Die Werke gewinnen so eine freilich verbal kaum auflösbare Metaphorik. Dieser Schwebezustand wird auch im Formalen erzeugt: Einerseits sind die Bronzetiere plastisch, andererseits werden sie auf die Seite gelegt und mit Glas- oder Metallplatten bedeckt. Sie werden Träger, ihre Körperlichkeit wird nicht genutzt, denn die Platten ebnen die Komposition ein und geben der Metaphorik eine Richtung.

Semah liebt knappe Formulierungen. Seine kargen Objekte entstehen aus Kochtopftürmen, sich gegenseitig stützenden Spazierstock und Axt oder aus mehreren gleichen stahlumrandeten Glasplatten, die untereinander an der Wand angebracht sind.

Melancholische Engel

Anspielungen auf zeitgenössische Künstler – Joseph Beuys, Bruce Nauman, Donald Judd – werden nicht verheimlicht. Einen Dialog führt Semah mit Albrecht Dürer, dessen Radierung „Melancholia“ in die Ausstellung integriert ist. Da zeigt sich schon das bedeutungsschwere Durcheinander von Dingen, Geräten, Kuben und Symbolen rund um den melancholischen Engel. Die Furche des Welt-Schmerzes scheint auch Semah zu durchziehen, wenn er seine Schau trotzig „Ich bin, der ich bin“ überschreibt und auf Paul Celans „Todesfuge“ anspielt.