BREMEN - Zeitlich genau lokalisiert wird das Geschehen zunächst nicht, außer, dass Berlin genannt wird, Bomben fallen, also Krieg ist – und der Erzähler, ein Junge, „Teenager“ hätte man eine Generation später wohl gesagt: Harry. Der fühlt sich berührt durch ein Mädchen in seiner Straße, eine Gleichaltrige, und doch von einem anderen Stern. Der steckt, tiefgelb, auf ihrer schmächtigen Brust – die Wassersteins sind Juden. Da dämmert’s: Sigmar Schollaks Büchlein „Das Mädchen aus Harrys Straße“, erschienen im Bremer Donat-Verlag, ist eine Lektüre im Vorhof der Hölle (60 S., 14 Zeichnungen, 12 Euro – für Kinder ab 10).

Von Auschwitz, und was der Name symbolisiert, hat Harry keine Ahnung, doch etwas, noch nicht völlig Verschüttetes in ihm, mahnt dumpf. Und nun werden wir, mit wachsender Neugierde, zu Zeugen, was sich in ihm tut, an Menschlichem und Mitmenschlichem, in einer Welt der schieren Unmenschlichkeit.

Von der natürlich auch er, Kind seiner Zeit, geprägt ist, ohne dass das Mitgefühl in ihm aber schon ganz erstickt wäre. Ich will hier nicht mehr sagen, als dass von da an eine rührend-zarte, sehr pubertäre Geschichte den Leser in Spannung hält: Harry will das Mädchen in seiner Straße verstecken . . .

Natürlich fragt man sich, ob es sich hier nicht um ein Wunschdenken des Autors handelt, um die posthume Sehnsucht: „Ach, wäre es doch nur so gewesen, ach, hätte es doch mehr Hilfswilligkeit und -bereitschaft gegeben“. Fast die ganze Nation hat so geraunt – als es zu spät war.

Bloße Fiktion ist „Harry“ dennoch nicht. Es sollen im Deutschland Hitlers an die fünfzehnhundert Juden gewesen sein, die auf diese Weise überlebt haben, versteckt von „Ariern“, die genau wussten, dass bei Entdeckung der „Illegalen“ nicht nur deren Leben, sondern auch das eigene verwirkt sein würde. Fünf dieser Überlebenden waren meine Eltern, meine beiden Brüder und ich.

Dieses kleine, einfach geschriebene Büchlein widerspiegelt einen Fetzen Holocaust. Es ist die Story von Harry, der ein jüdisches Mädchen nicht hassen kann, obwohl er sich dazu aufgefordert sieht. Kein Widerständler, kein Held, nur einer, von dem man gern mehr gewusst hätte, was aus ihm geworden ist und wie er überlebt hat . . .